GEWALTAUSÜBUNG UND VERKEHR DES EINZIGEN II

STIRNERIANA

„Ich liebe die Menschen auch, nicht bloß einzelne, sondern jeden. Aber Ich liebe sie mit dem Bewußtsein des Egoismus; Ich liebe sie, weil die Liebe Mich glücklich macht, Ich liebe, weil Mir das Lieben natürlich ist, weil Mir’s gefällt. Ich kenne kein ‚Gebot der Liebe‘.“

Wir sehen die Liebe hier als eine menschliche Fähigkeit oder Kraft beschrieben, derer sich der Einzelne gleichsam als ein Mittel bedient, um sein Erleben zu bereichern. Diese Funktionalisierung der Liebe für den Einzelnen schließt, wie wir gleich sehen werden, nicht das Liebesbedürfnis der anderen Einzelnen aus, rekurriert aber zuvörderst auf die eigenen Interessen, auf den Eigennutz, um so eine Authentizität von Fühlen und Handeln zu wahren.

Die Liebe ist kein Gebot, sondern Eigentum des Liebenden: Und sein Eigentum bleibt das Gefühl, solange es in seiner Gewalt ist, d. h. aus seiner momentanen Befindlichkeit entspringt und kein äußerliches „Muß“ es stabilisieren will.

„Jede Liebe, an welcher auch nur der kleinste Flecken von Verpflichtung haftet, ist eine uneigennützige, und soweit dieser Flecken reicht, ist sie Besessenheit. Wer dem Gegenstande seiner Liebe etwas schuldig zu sein glaubt, der liebt romantisch oder religiös.“

Egoistische Liebe beruht also zentral auf der Freiwilligkeit und darauf, daß sie ihren Ursprung und Zweck in dem Dasein ihres Eigners hat; nur dadurch verliert der Gegenstand der Liebe seine Fremdheit, daß nunmehr anstatt eines menschlichen oder „abstrakten“ Interesses sich ein konkretes Interesse eines Einzelnen mit ihm verbindet. Erst unter diesen Umständen treten die Einzelnen in direkten Verkehr miteinander, weil das Bedürfnis nach Geselligkeit, genauso wie das zu lieben, ihnen natürlich ist. Diese Formen des egoistischen oder eigennützigen Verkehrs schließen eigene Hingabe und Aufopferung nicht aus: „Soll Ich etwa an der Person des Andern keine lebendige Teilnahme haben, soll seine Freude und sein Wohl mir nicht am Herzen liegen, soll der Genuß, den Ich ihm bereite, Mir nicht über andere eigene Genüsse gehen? Im Gegenteilunzählige eigene Genüsse kann Ich ihm mit Freuden opfern, Unzähliges kann Ich Mir zur Erhöhung seiner Lust versagen, und was Mir ohne ihn das Teuerste wäre, das kann Ich für ihn in die Schanze schlagen, mein Leben, meine Wohlfahrt, meine Freiheit. Es macht ja meine Lust und mein Glück aus, Mich an seinem Glücke und an seiner Lust zu laben. Aber Mich, Mich selbst opfere Ich ihm nicht, sondern bleibe Egoist und – genieße ihn.“

Demnach negiert Stirner mit seinem Eigenheitsbegriff die allgemeine Interessiertheit – und nichts anderes wollen die Begriffe Egoismus und Eigenheit zum Ausdruck bringen –‚ nicht die Interessiertheit am konkreten Anderen, die Liebe, die Beziehungen der Einzelnen untereinander. Nur führt er alle diese sozialen Phänomene auf die Grundbefindlichkeit des Eigners“zurück, der von sich sagt: „Ich bin Mir Alles und Ich tue Alles Meinethalben.

Darin besteht die Eigenheit, die die Gebote der allgemeinen Sittlichkeit und Normgebung ersetzt durch die Souveränität der Einzelnen, die aus der eigenen Befindlichkeit und Machtvollkommenheit ihr konkretes Leben leben wollen, d. h. nach ihren konkreten Interessen und Bedürfnissen. Nicht in Ideen können die eigenen Interessen aufgehen, sondern nur im praktischen Verkehr, im Verein.

Es wäre verfehlt, so betont Kreuzer, die Haltung der Eigenheit in sozialer Hinsicht als Asozialität und Egoismus im umgangssprachlichen Sinn zu klassifizieren.

„Wie er (Stirner – d. Verf.) in Wahrheit den Vulgäregoismus verwirft, da dieser ein einziges Verlangen (Habsucht, Geiz etc.) zum Herrn des ‚besessenen‘ Ich macht, statt den ‚Einzigen‘ als souveränen ‚Eigner‘ zu erschaffen (…)‚ so bejaht Stirner Mitgefühl und Liebe als Eigentümlichkeiten des Ich.“

Stirner vertritt nicht eine Immoralität, der alle anderen Menschen gleichgültig sind, auch will Stirners Egoismus kein neues Vorrecht einiger Egoisten beinhalten, sondern die von ihm beschriebene Haltung kommt potentiell jeder einzelnen Existenz zu.

Dabei sind die Charakteristika der eigenen Liebe übertragbar auf das Verhalten des Eigners im Verein: So wie er den Gegenstand seiner Liebe für sich genießt, so verbraucht er auch potentiell alles, was ihn umgibt, was er sich als Eigentum anzueignen vermag; es gibt nichts, was seiner Souveränität, seinem Einflußbereich, von vorneherein nicht zugänglich ist.

Es gibt kein Ideal‚ keine Norm mehr, wodurch die Eigentumsaneignung unterbunden werden könnte, der der Einzelne sich gegenüber zu verantworten hat. Deshalb erklärt Stirner den freien Zugriff, auf Alles, weil das heilige Denken genau dieses dem Einzelnen untersagte und ihm Respekt einflößte vor den „menschlichen“ oder „gesellschaftlichen“ Errungenschaften, sei es nun das Recht, die Staatsgewalt, das Staatseigentum oder was auch immer.

Dagegen steht im Verein die konkrete Abhängigkeit von Personen, denen gegenüber der Einzelne ein Verwertungsinteresse geltend macht: Das ist die von Stirner gewollte „praktische Folge“ des Einzigen.

Die unterschiedlichen Verwertungsinteressen der Einzelnen sind nicht durch allgemeine Postulate harmonierbar: „Der Egoist ist der sich eigene einzelne, der Eigner, dessen Gefühle und Handlungen nicht gespalten sind in Soll-Postulate und eigene Interessen, die sich mit diesen Postulaten nicht versöhnen lassen.

Damit ist die Ausgangslage für auftretende Konflikte zwischen den Einzelnen markiert und Stirner verbreitet in diesem Punkt auch keine Illusionen: „Genug, die Eigentumsfrage läßt sich nicht so gütlich lösen, als die Sozialisten, ja selbst die Kommunisten träumen. Sie wird nur gelöst durch den Krieg Aller gegen Alle. Die Armen werden nur frei und Eigentümer, wenn sie sich – empören, emporbringen, erheben. Schenkt ihnen noch so viel‚ sie werden doch immer mehr haben wollen; denn sie wollen nichts Geringeres, als daß endlich – nichts mehr geschenkt werde.“

Und wer Genaueres über mögliche Folgen der Empörung wissen möchte, dem hält er entgegen: „Was ein Sklave tun wird, sobald er die Fesseln zerbrochen, das muß man – erwarten.“

Mit dem Begriff Empörung beschreibt Stirner die Kampf- oder Widerstandsform des Eigners, gleichsam eine neue Lebensform: „Die Revolution zielte auf neue Einrichtungen, die Empörung führt dahin, Uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten, und setzt auf ‚Institutionen‘ keine glänzende Hoffnung. Sie ist kein Kampf gegen das Bestehende, da, wenn sie gedeiht, das Bestehende von selbst zusammenstürzt, sie ist nur ein Herausarbeiten Meiner (Herv. d. Verf.) aus dem Bestehenden. Verlasse Ich das Bestehende, so ist es tot und geht in Fäulnis über. Da nun nicht der Umsturz eines Bestehenden mein Zweck ist, sondern meine Erhebung darüber, so ist meine Absicht und Tat keine politische oder soziale, sondern, als allein auf Mich und meine Eigenheit gerichtet, eine egoistische.

Es ist die Unzufriedenheit der Menschen mit sich, die sie danach streben läßt, ihren Einflußbereich auszuweiten, um ihre Souveränität zu erhöhen und sich vollständiger verwerten zu können. Den Verwertungskonflikten liegt dieses Selbstverwertungsinteresse, die „Selbstverwertung des Ichs“‚ und das Bewußtsein des Wertes der eigenen Macht (Kraft/Vermögen) für andere Einzelne zu Grunde.

Ein Hinweis auf eine Verständigung zwischen den unterschiedlichen Verwertungsinteressen liefert Stirner mit seiner Problematisierung der Verwertung der Arbeitskraft, wo er eine Vorstellung von Leistung und Gegenleistung thematisiert.

In den bestehenden Staaten besteht ein System der Unterordnung und Privilegierung, wodurch die Arbeiter übervorteilt werden. Da der Eigner oder Empörer dem Eigentum keinen Respekt zollt, so muß man sich neu darüber verständigen, wer wem vermittels welcher Gegenleistung Respekt entgegenbringt:

„Wollt ihr unsern Respekt, so kauft ihn für den Uns genehmen Preis. Wir wollen euer Eigentum Euch lassen, wenn Ihr dieses Lassen gehörig aufwiegt.“ Stirners Vorschlag läuft auf direkte Interessenauseinandersetzungen zwischen einzelnen Eigentümern (z. B. von Arbeitskraft und Kapital) hinaus, wobei die Vereine, d. h. die gezielte Verbindung mit anderen Interessierten, die Durchsetzbarkeit der eigenen Interessen verstärken sollen.

„Gelangen die Menschen dahin, daß sie den Respekt vor dem Eigentum verlieren, so wird jeder Eigentum haben, so wie alle Sklaven freie Menschen werden, sobald sie den Herrn als Herrn nicht mehr achten. Vereine werden dann auch in dieser Sache die Mittel des Einzelnen multiplizieren und sein angefochtenes Eigentum sicherstellen.“

Auch hier sehen wir also zunächst die Betonung des prinzipiell freien Zugriffs auf alles Eigentum durch den Einzelnen, um sich gleichsam in eine gleichberechtigte Verhandlungssituation zu begeben. Dann wird man sich schon verständigen , so Stirners Optimismus, obgleich natürlich jederzeit solche Einigungen einseitig aufkündbar sind.

Ausgangsbasis für alle Verkehrsformen, das wird auch hier deutlich, ist die Souveränität des Ich, die dem Einzelnen auch die alleinige Verantwortung für alle Konsequenzen seines Handelns auferlegt. Im Zuge dieser Verkehrsformen sind Einschränkungen der eigenen Handlungsweise mitgedacht, weil Stirners Eigner als

soziales Wesen durchaus auf Verständigung mit anderen angewiesen ist. „In Bezug auf die Freiheit unterliegen Staat und Verein keiner wesentlichen Verschiedenheit.

Der Letztere kann ebenso wenig entstehen oder bestehen, ohne daß die Freiheit auf allerlei Art beschränkt werde, als der Staat mit ungemessener Freiheit sich verträgt. Beschränkung der Freiheit ist überall unabwendbar, denn man kann nicht alles los werden“.Dabei wird die Freiheit des Eigners von ihm selbst eingeschränkt, aber er bleibt souverän im Sinne seiner letztlichen Entscheidungsfreiheit. G. Adler meint dazu: „Die Autonomie der Einzelnen wird als nur soweit beschränkt, als diese selber vom Standpunkte ihres eigenen Interesses aus sich dazu verstehen, indem sie sich durch Abschließung von Verträgen zu jener gegenseitigen Rücksichtnahme verpflichten, die zum Zusammenleben der Menschen notwendig ist. Darüber hinaus bleibt für jedes Individuum die einzige Schranke die – tatsächliche Ohnmacht.“

Stirner betont die Selbstverantwortlichkeit und Autonomie des Einzelnen auch hinsichtlich der Erfüllung der eigenen Interessen und Bedürfnisse, insofern als er sich gegen eine arbeitsteilige Aufgabenerfüllung bzw. Eigentumssicherung ausspricht, indem er eine eigene, direkte Wahrnehmung ihrer Interessen durch die Einzelnen verlangt: „Was Jeder braucht, an dessen Herbeischaffung und Hervorbringung sollte sich auch Jeder beteiligen; es ist seine Sache, sein Eigentum.“

Andererseits treten die Vereine gegeneinander auf als quasi Interessengruppen der „Selbstverwerter“.

Gewalt, das machen die Verkehrsformen der Eigner deutlich, zielt bei Stirner primär auf die „Selbstangehörigkeit Meiner“, d. h. im Kern auf die permanente Neukonstituierung der Entscheidungs- und Verantwortungssouveränität der Einzelnen, die ihre Einzigkeit beinhaltet.

Man kann Sveistrup in seiner Meinung zustimmen, daß der Einzige die Grundlage und der Eigner die Spitze des Ganzen ist. Von Einzigkeit zu Eigentum, das ist der Kern, Eigentum an der Einzigheit.“

Einziges Kriterium für das Verhalten der Eigner ist ihre augenblickliche Befindlichkeit, an der sie ihre Selbstfindung orientieren; Egoismus oder Eigenheit und Empörung meint diese Haltung, wo die Einzelnen, bzw. Eigner alles auf sich beziehen

im Interesse ihrer Selbstgewinnung und Selbsterfahrung. Mir scheint, daß Eßbachs

These durchaus zuzustimmen ist: „Für Stirner sind alle Fragen nach gesellschaftlichen Beziehungen überschattet vom Problem der Selbstkohärenz. Die Problemzone liegt darin, daß alle Beziehungen illusorische Formen von Gemeinschaftlichkeit bleiben, solange die ‚Selbstangehörigkeit Meiner‘ nicht erreicht ist. … Gesellschaftlichkeit ist kein Problem mehr, wenn keine subjektive Qualität mehr verpönt wird.“

Diesen Befund bestätigt die Analyse der Verkehrsformen der Eigner:

  1. a) Der Verkehr besteht nur auf der Basis einer freien, unmittelbaren Begegnung und führt dazu, daß die Eigenheit gewährleistet ist; „der Eigner liebt, weil er liebt oder weil er lieben will. Eine positive Wertbejahung, ein imperativisches ‚Du sollst‘‚ eine ethische Norm lehnt er als (nicht-eigene) Beschneidung seiner Eigenheit ab.“
  2. b) Der Verkehr oder Verein erzwingt keine starren Organisationsformen, sondern schließt diese im Gegenteil aus, denn der Einzelne kann sein Engagement jederzeit zurücknehmen. Stirner hat konsequent die sozialen Interaktionsformen so zu beschreiten versucht, daß die Autonomie der Einzelnen den Ausgangspunkt und Zweck des Verkehrs umschreibt. Durch diese Vorgehensweise, die das Ich zum Mittelpunkt seiner gesamten Philosophie erhebt, ist es bedingt, „daß demgegenüber Konflikte auf anderen Ebenen zu einer quantité négligeable werden.“

Hier ist nun insbesondere die Problematisierung der Konflikte und Gegensätze zwischen den Eignern relevant, die von Stirner kaum thematisiert werden. Er geht davon aus, daß die Konflikte der Eigner im Effekt zu produktiven sozialen Beziehungen führen werden; wie der Egoismus in der Liebe nicht die Liebe ausschließen soll, so sind insgesamt die Verkehrsformen der Eigner so angelegt, daß die sich gegenseitig egoistisch Verhaltenden in konfliktreiche Beziehungen zueinander treten, wo jeder als Korrektiv des Nächsten fungiert: „Von deinem und eurem Eigentum trete Ich nicht scheu zurück, sondern sehe es stets als mein Eigentum an, woran Ich nichts zu ‚respektieren‘ brauche. Tuet doch desgleichen mit dem, was Ihr mein Eigentum nennt! Bei dieser Ansicht werden Wir Uns am leichtesten miteinander verständigen.“

Wiederum primär sind die Konflikte produktiv für die Einzigen, indem sie ihre spezifische Einzigheit verstärken. Eßbach drückt das folgendermaßen aus: „… daß sich die je einzigen Kohärenzen aneinander reiben, ist für Stirner aber nicht nur unvermeidlich, sondern es unterstützt die Prozesse der Kohärenzbildung, weil es die Grenze des Selbst intensiver konturiert.“

Von daher ist es in der Tat nicht angebracht, Stirner zu jenen Anarchisten zu zählen, die ein idealistisch-harmonisches soziales System entwerfen; Zenker wirft Stirner zusammen mit Anarchisten, die er wegen ihres Menschenbildes als Idealisten von reinstem Wasser charakterisiert: „Die Menschen an und für sich sind gut, echt, von den brüderlichsten Gefühlen … Verdorben hat sie aber blos die Gesellschaft.“

Stirner will ja gerade die Ungleichheit erweitern, so daß „die Forderung nach Konformität sinnlos (wird – d. Verf.).“Stirner führt dazu aus: „Der letzte und entschiedenste Gegensatz, der des Einzigen gegen den Einzigen, ist im Grunde über das, was Gegensatz heißt, hinaus, ohne aber in die ‚Einheit‘ oder Einigkeit zurückgesunken zu sein. … Der Gegensatz verschwindet in der vollkommenen – Geschiedenheit oder Einzigkeit. Diese könnte zwar für das neue Gemeinsame oder eine neue Gleichheit angesehen werden, allein die Gleichheit besteht hier eben in der Ungleichheit und ist selbst nichts als Ungleichheit: eine gleiche Ungleichheit, und zwar nur für denjenigen, der eine ‚Vergleichung‘ anstellt.“

Stirners Verein ist keine harmonisierende, idealistische Konstruktion, obgleich Stirner an die Selbstregelungsfähigkeit der Einzelnen glaubt. Sowenig Stirner die Seinsweise des Einzigen oder Eigners zum Gegenstand seiner Philosophie macht – Eßbach stellt dazu fest, daß das materielle Selbst in Stirners Denken nicht subjekttheoretisch vorab zu definieren ist –, woraus allein ein bestimmtes Menschenbild hergeleitet werden könnte, sowenig vermag er (und will es auch nicht), die die Existenz des Einzigen beschreibenden Begriffe genau zu bestimmen. Was der Eigenwille, die Eigenheit, bzw. der Egoismus, der Eigennutz u. a. ihrem Wesen nach wirklich sind, das ist sozusagen das Geheimnis der Einzigen. Ihnen obläßt Stirner es, sich darzustellen und zu leben; aber wie und warum sie sich gerade so und nicht anders darstellen mögen, und welche Folgen daraus für ein Zusammenleben entstehen könnten, das ist nicht Gegenstand des Stirnerschen Werkes.

 

Jedes soziale Gefüge ist nur Resultat der Lebensäußerung der Einzelnen; damit wird ihm nicht Realität, wohl aber für sich seiende Realität abgesprochen. Alles hat seinen Ursprung in den konkreten einzelnen Menschen, so auch die Gewalt; Herrschaft, die auf von den Einzelnen verselbständigter Gewalt beruht, geht bei Stirner nicht auf des Einzelnen äußere Verhältnisse oder auf die ökonomischen Beziehungen der Einzelnen untereinander zurück. Sie hat ihren Ursprung in den Einzelnen selbst, die gleichsam permanent vor die Alternative gestellt sind, sie sich wieder anzueignen oder sich von der verselbständigten Herrschaft aneignen zu lassen. Daher ist bei Stirner Befreiung immer Selbstbefreiung und Veränderung immer Selbstveränderung.

Im eigentlichen Sinne politische Konsequenzen hat seine Philosophie nur in sekundärer Hinsicht, nämlich wenn nach erfolgter Wiederaneignung der Gewalt sich nunmehr private Gewalten gegenüberstehen.

Gerade weil Stirner kein harmonisches, soziales Gefüge verwirklichen will, sondern die Mechanismen der Selbstunterdrückung der konkreten Einzelnen als aufhebbare aufzeigen will, interessieren ihn die sozialen Folgen kaum. Schließlich ist überhaupt alles Soziale für Stirner nur als Werk der Einzelnen existent, deren Verfügungsgewalt keinen Bereich ausschließt.

Läßt man einmal die Frage unberührt, inwieweit die Empörung der Einzelnen geeignet ist, die bestehende Herrschaft der Staatsgewalt umzugestalten in Formen des Zusammenlebens, wo sich nurmehr die Gewalt der Einzelnen gegenübersteht, so stellt sich für unsere Fragestellung doch das Problem, die Auswirkungen der Gewaltausübung der Einzelnen gegeneinander für sie selbst zu untersuchen.

Wie wir oben gesehen haben, unterstellt Stirner, daß sich die Eigner schon verständigen werden. Aber „wie soll“ kann mit Adler gefragt werden, „wenn solche Vereine in ihre gegenseitigen Sphären hinübergreifen, die Schlichtung anders als durch Gewalt und Krieg erfolgen, – während heute doch wenigstens innerhalb der Nation ein einheitlicher, schiedsrichterlicher Wille hergestellt ist.“

Man muß m. E., bevor man die Wirkungen der Stirnerschen Gewaltausübung zu beschreiben versucht, anerkennen, daß das ganze Stirnersche Denken sich der Betrachtungsweise entgegenstellt, nun gleichsam im Verein eine vollkommene Beschreibung, eines zu vervollkommnenden egoistischen Verhaltens zu erblicken. Stirner wehrt sich gegen das absolute Denken ebenso, wie gegen die Aufstellung einer absoluten Wahrheit. Als solche ist der Verkehr nicht zu betrachten. Er ist viel- mehr nur seine subjektive Beschreibung von Lebensformen, wie Stirner sie möglicherweise bei den Zusammenkünften der „Freien“ in Berlin als bereits gegeben ansah. Meines Erachtens beabsichtigte er nicht, ein geschlossenes System von Verkehrsformen zur Nachahmung bereitzustellen, sondern ausgehend von seiner Prämisse der egoistischen Einzigkeit jedes konkreten Einzelnen beispielhafte Hinweise für ein soziales Zusammenleben derselben zu geben. Nach meiner Ansicht ist Stirner in erster Linie kein Gesellschaftstheoretiker, sondern sein Werk steht und fällt mit seinem Subjektbegriff, aus dem alle weiteren Erörterungen abgeleitet sind.

 

 

 

 

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