HABT NUR DEN MUT, DESTRUKTIV ZU SEIN…

CRISIz

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Wie glücklich war ich als Kind, wenn ich, auf grüner Matte hingestreckt, von duftigen Frühlingslüften angeweht in den blauen Himmel hinaufblickte und von meiner glänzenden Zukunft träumte. Ein grosser Herr musste ich werden und mit Sechsen fahren, Gold aus dem Wagen streuen mit vollen Händen, und angebetet werden von der beglückten Menge des armen staunenden Volkes, Feenpaläste und Alhambras bauen und in blühenden Gärten mich von rosigen Mädchen bedienen lassen. Hätte ich’s damals nur gleich ins Werk richten können, ich wäre heute gewiss ein grosser Mann; aber ach, ich hätte  es nur werden können,  und ward es eben darum nicht.

Wer fühlt nun nicht in ähnlicher Weise seine Brust gehoben von grossen Hoffnungen, wem schlägt das Herz nicht vor schmerzlich süsser Ungeduld, wenn er in unserm Buche von Seite zu Seite weiter liest, zu wie grossen Dingen das deutsche Volk ausersehen ist und was es alles werden — könnte.  Ja, wir sind berufen zur “Hegemonie; die deutsche Natur trägt den Stempel der geistigen Oberhoheit, und ist im Einzelnen mit einer Fülle von Talenten gesegnet, wie sie in solcher Vereinigung keine Nation besitzt. Politische und militärische, philosophische und wissenschaftliche, poetische und künstlerische, musikalische und sprachliche, industrielle und nautische, merkantile und technische Gaben — alles das ist uns so reichlich zugeteilt, dass wir es in den einzelnen Stücken jedem Volke gleich-, in einigen zuvortun. Deutschland ist zum konstitutionellen Königtum  in dem grossen Gemeinwesen bestimmt, das Europa heisst.” (pag. 169) Ach, man muss unfähig sein der Lust an blühenden Hoffnungen und bar aller süssen Schwärmerei für Vaterland und Menschheit, wenn man mit dem Verfasser nicht sehnend verlangen, nicht unmutig verachten, nicht freudig erwarten, nicht jugendlich träumen wollte. Und ich habe mit ihm verlangt, verachtet, erwartet und geträumt, ich habe meine Liebe genährt an seiner Begeisterung und meinen Glauben gestärkt an seinen Hoffnungen, ich habe genossen in reicher Fülle — warum nun bin ich denn doch unzufrieden, unzufrieden mit diesem Buche?

Darum, weil ich auch hier wieder die Leidenschaft nicht finde, welche Leidenschaft weckt in den Seelen der Menschen; darum, weil ich auch hier derselben wohlmeinenden Halbheit begegne, die versöhnen will, ohne vorher zu entzweien, die nicht gekommen ist, das Schwert zu senden, wie Christus, sondern den Frieden; darum, weil kein Zorn, kein Hass, kein Grimm hier verzehrend brennt; darum, weil auch diese Begeisterung nichts als ein Strohfeuer und diese Erweckungspredigt nichts als eine politische und diplomatische Superklugheit ist; darum endlich, weil es, statt unsere Einsicht  in uns und in die Schmach unserer geknechteten Seelen zu fördern, nur von unseren Aussichten  spricht. Auf einer einzigen Seite (pag. 171; denn das faktenlose zweite Kapitel wird man doch nicht geltend machen wollen) tut der Verfasser unsere Gebrechen ab, und welche Gebrechen! Den Stader Zoll, die Weigerung Hannovers und Mecklenburgs, zum Zollverein zu treten u.s.w.; nur beiläufig wird der Gerichtsverfassung und der Presse gedacht. Dann schliesst er sogleich: “Wenden wir uns hinweg von dem traurigen Anblick und betrachten die Aussicht, die die Zukunft uns bietet.” Und diese Zärtlichkeit entschuldigt er mit den Worten: “Wo das Übel im Ganzen so tief liegt, da fruchtet’s weniger, die einzelnen Mängel zu beleuchten; nicht, als wäre das nicht notwendig oder der Mühe wert, sondern weil die Beleuchtung hier nimmermehr wirkt, was sie anderswo wirkt; weil es zahllose Dinge gibt, worin die Nation von oben bis unten die klarste Einsicht hat, deren Abschaffung dem simpelsten Verstande sich aufdrängt, und welche dennoch fortwuchern trotz dem ausgesprochensten Willen der öffentlichen Stimme.”

“Die Nation hat die klarste Einsicht!” Woher soll sie die denn nehmen? Wie viele lesen z.B. in ganz Preussen mehr als die Staats- und andere privilegierte Zeitungen des Inlandes, in denen nur Festlichkeiten und keine anderen Gräuel besprochen werden, als die das — gemeine Volk begeht. Wann werden hier die grossen Gedanken der Neuzeit, wie Pressfreiheit, Öffentlichkeit, Mündigkeit u.s.w. anders zur Diskussion gebracht, als wenn sie uns unmittelbar nichts angehen, weil sie nur in auswärtigen Kammern verhandelt werden? Man gehe in die Provinzen und lerne erstaunen über den unaussprechlichen Nutzen der Zensur. So massenhafte Dummheit in Beziehung auf alle heiligen und unheiligen Fragen des Staatslebens findet man nicht leicht wieder; und sie sitzt so fest, diese Dummheit, dass kein leiser Strahl der Aufklärung in diese Urwaldfinsternis jemals einzudringen vermag, und nur der  zündende Blitz Erleuchtung bringen wird, welcher ein Feuer entflammt, von dem alles, alles ergriffen wird. Ich sehe schon ein Wölkchen am tiefen Horizonte aufschauern, zwar noch unscheinbar und verzagt — es sehen es aber doch schon viele mit mir, obgleich es nur für die Augen der Sonntagskinder sichtbar ist –; es kann ein hübsches Gewitterchen geben nach den schwülen Tagen.

Ein Buch, im pressfreien Lande der Schweiz erschienen, das sollte nicht wegschleichen über unsere Schande, sondern den scheinheiligen Pfaffenrock der Wolfsseele abreissen. Nicht Tiraden, nicht Ermahnungen, nicht langweilige Auseinandersetzungen greifen in Herz und Nieren ein, sondern Aufdeckung und Entblössung, so schonungslose Entblössung, dass dem nackten Menschenkinde im schneidenden Winterfrost die Zähne klappern und die Glieder erstarren, bis es, vom Geiste der Besinnung getrieben, endlich ein Laufen beginnt und ein rastloses Hilfe erjagen, dass der rettende Schweiss niedertrieft und die neue, schützende Behausung erreicht wird. Es gibt ein Büchlein von siebenundvierzig Seiten; wir dürfen’s nicht nennen, aber es ist in wenigen Monden fast so bekannt geworden wie die Spener’sche Zeitung und obenein besser als zwanzig Jahrgänge dieses revolutionierten Lösch-

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papiers: das ist zu Tage noch unübertroffen in der unvergleichlich einfachen Weise, die Geister zu revolutionieren und die Überzeugung zu wecken. Da wird uns nicht von den Präadamiten her bewiesen, dass wir zur besten Rasse gehören und in dieser Rasse das “gottbegnadigste” Volk seien, sondern nur viermal gefragt und viermal geantwortet. Daran hätte der Verfasser Popularität lernen können. Aber er ist ein Deutscher mit Haut und Haaren. Man höre ihn pag. 201: “Erst muss die menschliche Seele zergliedert, ihr Bau erkannt, ihre Funktionen nachgewiesen, ihre Entwicklung von der Geburt bis zum Tode nach den einzelnen Stadien beschrieben werden; erst sollen wir die Lehre vom Geist, von den Individuen, den Gesamtindividuen, Rassen, Völkern, Nationen, Stämmen, Familien gründlich ausarbeiten: dann wird die Menschheit, in diesem Sinne zum ersten Mal, die Augen aufschlagen: sie wird sich kennenlernen,  die Zeit ihrer Mündigkeit ist damit erfüllt. Je mehr sie, auf diese Weise, allmählich an Selbsterkenntnis wächst, je allgemeiner das psychologische Bewusstsein in den Massen um sich greift, desto möglicher wird es, das Höchste zu erreichen, was die Geschichte kennt — den vollkommenen Staat.”  Es muss fast wie Heimtücke erscheinen, dass ich diese lächerliche Stelle auswählte, wo den “Massen” empfohlen wird, Psychologie (ein im Sinne des Verf. überhaupt etwas weitschichtiges Feld) zu studieren, um durch diese Art von Selbstkenntnis endlich zum “vollkommenen Staate” zu gelangen; allein es ist das leider kein beiläufiger Einfall, keine verzeihliche Grille ohne weiteren Belang, sondern es bildet den Grundgedanken des Buches. Kann es uns da wundern, dass der Verf. so enthusiastisch für Deutschheit schwärmt, da wir in ihm selbst einen so gründlichen Deutschen erkennen? Begreift — so etwa spricht Herr Rohmer  — den Charakter und die Bedeutung der Russen und Polen, der Franzosen, Engländer und Spanier, der Chinesen und Inder, kurz aller Völker der Erde, begreift den eurigen dazu und vergleicht euch mit allen: dann werdet ihr sehen, dass ihr zur Hegemonie  berufen seid als das “gesegnetste” Volk, und ihr werdet euch flugs daran machen, sie durch Einigkeit  zu erringen. Zu jenem Begreifen soll euch mein Buch helfen, worin alle Völker Revue passieren müssen, und wenn ihr das nur recht inne habt, und es euch tüchtig zu Herzen gehen lasst, so wird sich die Einigkeit schon finden, und dann kann es dir auch, mein deutsches Volk, an einem Parakleten nicht fehlen, den “der Höchste aus den Deinigen erwecken wird und muss.”

Allerdings wird der Paraklet kommen, aber nicht eher, als bis seine Zeit erfüllt ist. Und erfüllt sie sich etwa von selbst? Wir müssen sie erfüllen und zuvor Busse tun in Sack und Asche. Zieht durchs Land, ihr Bussprediger, dringt ein in jede Hütte, predigt Zwietracht und das Schwert, nicht matte Einigkeit und komfortable Zufriedenheit, geisselt die schläfrigen Seelen, nicht mit den Fliegenwedeln trostreicher Hoffnungen, nein, mit der Zuchtrute der Aufklärung über alle die Gräuel, die im Verborgenen geschehen, ohne dass die vertrauensvollen Gläubigen sie zu ahnen vermögen.

Was will Herr Rohmers Ruf nach Einigkeit ? Sind wir Deutschen nicht einig? Singen wir nicht alle mit Salbung: “Was ist des Deutschen Vaterland”? Begegnet nicht der Schwabe dem Hannoveraner, der Rheinländer dem Sachsen, begegnen nicht alle Deutschen einander mit Freundlichkeit und Zutrauen, und fühlen wir uns nicht alle verbunden in dem Worte: deutsch? Das weiss Herr Rohmer so gut als wir alle; und doch nennt er uns uneinig. Mit welchem Recht? Leider mit einem nur zu begründeten! Wir sind einig wie eine grosse Herde Schafe. Die grasen alle in unvergleichlicher Friedlichkeit nebeneinander und düngen in unwillkürlicher Güte den Acker und lassen sich scheren und fressen dabei. Von Zeit zu Zeit stellt auch wohl das Wölflein sich ein, das bisweilen, wenn es ein feiger heimtückischer Bube ist, zur Vorsicht noch Schafskleider anzieht, obgleich das gar nicht nötig wäre, und langt sich so viele eifrige Exemplare, die ihm zu voreilig in den Rachen laufen, heraus, als seinem Appetite zusagen.

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Schafe sind einig,  aber Schafe haben keinen Willen.  Reisst unseren willenlosen  Menschen in Stücke, und die blutenden Herzen werden voll des einigen  Geistes sein. Zeigt die Blösse aller jener durch Menschensatzung aufgestellten Autoritäten auf, die in den weichen Gemütern, wo das Edelste Wohnung fassen könnte, sich eingenistet haben, verlöscht ihren blendenden angemassten Nimbus, dass er dem freien Menschen nicht mehr imponiere, stosst alle Stützen um, woran seine schwachmütige Bedürftigkeit sich anlehnt, tut das kindische Wesen dar von all jener langmütigen Treue, jenem trägen, hingebenden Vertrauen, jener angestammten Verehrung, kurz, untergrabt jeden Glauben, der nicht ein Glaube des Geistes an den Geist ist, jedes Abhängigkeitsgefühl. Erst wenn der Mensch sich wieder bloss und verlassen sieht, kehrt er zu sich zurück und ermannt  sich; eine Riesenkraft spannt dann seine Muskeln, der Mut schwillt an, und der Mensch erkennt sich selbst und seine Allmacht. Darum entkleidet frisch und mutig, reisst die Lappen des blinden Glaubens und der feigen Treue nieder; nur den Nackten erquickt das Bad im Morgentau der Freiheit.

Es gibt kein anderes Heil als einen mächtigen Gedanken, der unseren Geist erfüllt, einen begeisterten Willen, der uns zu Taten fortreisst. Wo findet sich in uns diese tatendurstige Seligkeit einer grossen Idee, die unter grossen Opfern unaufhaltsam eine eigene Welt und ein neues Dasein aufbaut? Wir Deutschen können in der Tat auf viele Dinge, und gewiss auf eben so viele eitel  sein als uns zur Schande gereichen. Aber stolz — stolz  können wir nur auf eines sein: auf die selbstgewisse Freiheit des Gedankens, auf die überschwängliche Bedeutung des Ich. Und doch sind  wir nur frei im Reich des Denkens; wir sind noch nicht stolz  auf diese Freiheit. Kein Volk hätte ein grösseres Recht, sein Ich mit grossen Buchstaben zu schreiben, als das deutsche, und wir gerade verstecken es am unscheinbarsten Plätzchen und lassen dem englischen I (Ich) den selbstsüchtigen Vortritt. Lasst uns erst die Allmacht des Ich fühlen, des Ich,  das allein der Deutsche mit dem Geiste  zu identifizieren wusste, während das egoistische Ich des Engländers noch unter der despotischen Autorität der Kirche steht und das französische unter der Herrschaft der gloire  zerfliesst — lasst uns dessen nur recht inne werden, und wir werden — stolz  sein. Ja der Stolz fehlt uns, der Stolz allein. Weg mit der Demut, die sich beugt und kriecht! Selbst ist der Mann! Fragt nicht länger nach Pflichten, die man euch auferlegt;  gebt euch selbst die Gesetze: dann folgt ihr ihnen erst mit eigenem und bewusstem Willen, dann erst seid ihr frei.

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Doch es wird Zeit, dass ich dem Gang des Buches folge, an dessen einzelnen Partien ich mich wahrhaft erfrischte, und das, wäre es radikal genug (denn nichts ist gut, als das Radikale, weil alles andere eine Halbheit bleibt), nicht verfehlen würde, durch klare Gedanken tief in die Gemüter einzugreifen. Die Ansicht, dass Deutschland den Beruf habe, die Hegemonie zu ergreifen, schlingt sich als der rote Faden durch die ganze Abhandlung. Dies veranlasst den Verf., die Weltstellung der Deutschen aufzusuchen und zu dem Ende eine Vergleichung mit allen Nationen auszuführen, jede nach ihrem Berufe zu fragen, ihr die Nativität zu stellen und schliesslich sie im Geschichtsganzen zu rubrizieren. In der Einleitung wird das deutsche Bewusstsein mit Recht als das “politischer Unmündigkeit” bezeichnet. Aus der Geschichte einerseits, deren geistiger Gehalt fortan in ziemlich breiter Ausführlichkeit und mit geistreicher Reflexion angegeben wird, aus der Lage Europas andererseits, deren Betrachtung den zweiten Teil des Buches bildet, soll endlich der Beruf Deutschlands dargetan werden. Die Geschichte zeigt, dass Deutschland immer entscheidend war und das Herz Europas; “jetzt”, sagt endlich der Verf., “sollen die Deutschen, nachdem Andere zerstört haben, aufbauen. Der Protestantismus, wie er unverrückt nach der Wahrheit gestrebt hat, muss aus seiner Mitte ein Prinzip erzeugen, welches die innersten Fragen des Geistes und die tiefsten Probleme der Zeit zu lösen vermag.” Der Protestantismus wird hier freilich etwas keck mit Deutschland identifiziert. “Dieses Prinzip”, heisst es weiter, “wird die höchste Sehnsucht der Menschheit, die Sehnsucht nach einer gerechtfertigten Weltanschauung, nach einem bewussten Verhältnisse der Menschen zu Gott befriedigen.” Ich will es hier noch einmal aussprechen, was schon im Obigen liegt, dass die höchste Sehnsucht jetzt nicht auf eine gerechtfertigte Weltanschauung  gerichtet ist, nicht auf diese theoretische  Befriedigung, sondern auf freie Selbstbetätigung.  Jene Leidenschaft Goethes wird abgelöst durch die letztere, von welcher Schillers Streben entzündet war. Nicht, wie sich der Mensch zu Gott verhalte, sondern wie sich der schöpferische Gott, als Geist, als freien, nur aus sich selbst produzierenden Geist betätige und bewähre, das ist jetzt die Frage und die Sehnsucht der Zeit. “Das Jahrhundert ringt nach der organischen Begründung des wahren Staates”, sagt der Verf. pag.44. Dieses Ziel, im Sinne des Herrn Rohmer gefasst, missleitet uns vielfach und gerade so lange, als wir noch etwas anders machen und herstellen wollen als uns selbst. Uns  haben wir zu machen, zu manifestieren, frei zu machen. Uns  zu wahren Geistern  verklären, das heisst den wahren Staat erschaffen. Der Staat lässt sich nicht machen, sondern er ist die Freiheit und freie Offenbarung des Geistes und der Geister. Es beteiligt  sich der freie Geist an allem Geistigen als dem Seinigen; daher entsteht unter den freien Geistern von selbst, durch ihr notwendiges Wirken, die freie Gemeinschaft der Geister, die allein Staat genannt zu werden verdient. Derjenige Staat, den man machen  kann wie ein aufgegebenes Pensum, erbleicht wie die Kirche vor dem Lichte der Freiheit, und gleich der sichtbaren Kirche, die zur unsichtbaren wurde, muss er sich zu einem unsichtbaren  Staate verklären, zu einem geistigen.  Herrn Rohmer ist es aber noch immer mehr um einen Zustand  der Menschen (status — Staat) zu tun, in welchem sie ihr Wohl und Wehe finden sollen, als um die Freiheit ihres Handelns. Überhaupt nimmt er die ganze Litanei des Vorhandenen frag- und sorglos auf und spricht von Staat, Kirche, Adel, doppelten Kammern u.s.w. als von Dingen, die sich von selbst verstehen und nicht in Frage gestellt werden könnten. Daher quält er sich denn auch über das Verhältnis von Staat und Kirche ab (z.B. pag. 206 ff.) und spielt den liebreichen Versöhner.

Hat die Geschichte nun ihrerseits gezeigt, zu welcher wichtigen Rolle Deutschland berufen ist, so wird sich aus einer Rezension der anderen Völker das gleiche ergeben. “Die politische Lage Europas, die Stellung der Völker und Staaten, der Zustand ihrer Bestrebungen, sollen uns den Beruf zeigen, auf welchen Deutschland inmitten Europas hingewiesen ist. In Wahrheit, seit der Reformation, noch deutlicher für die wenigstens, die nur die Oberfläche sehen, seit der Revolution, ist Europa in unaufhörlicher Gärung begriffen: alles nurÜbergang, nur Krise oder Intermezzo; die neue Zeit, welche in so unzähligen Zuckungen die Menschheit anstrebt, muss erst noch geboren werden. Die Geburtswehen, hier konvulsivisch heftig, dort langsam wühlend, schildert die Geschichte Europas (um nicht zu sagen: der Erde) seit 1789.”

In den vierzehn Kapiteln des zweiten Teils wird der europäische Organismus aufs vielseitigste besprochen. Das wichtigste davon ausheben hiesse den Leser um einen Genuss bringen, zu dem wir ihn vielmehr dringend aufzufordern gesonnen sind; auch wäre es vergebliche Mühe, so reichen Stoff in kurze, unerquickliche Andeutungen zusammenpressen zu wollen. Die Summe ist folgende: “Seid einig — und zwei Grossmächte werden von eurem Willen beseelt, und es wird nur eine  Macht sein mit zwei Armen. Seid einig — und Holland wird euch den alten Starrgeist opfern, und was deutscher Natur ist in Belgien und der Schweiz, wird sich mit oder ohne Verlangen nach dem neuen Lichte kehren. Seid einig — und Skandinavien wird eure Hand ergreifen. Seid einig — und England wird euer Bündnis suchen in der ersten Zeit der Gefahr. Seid einig — und Russland wird zittern, und Polen wird hoffen. Seid einig — und Österreich, auf die doppelte Grundlage von Deutschland und Ungarn gestützt, wird euren Willen zum Gesetz erheben in der Frage des Orients. Seid einig — und Italien begehrt von euch seine Zukunft; ja durch eure Einigkeit zwingt ihr Portugal, Spanien und Frankreich, einig zu sein. Seid nur ihr selbst einig — und ihr seid das erste Volk der Erde.” (pag. 161)

Aber woher diese Einheit nehmen? Wodurch soll sie erschaffen werden? “Ein Prinzip verlangt die Zeit, um die falschen Gewalten zu zerstören, neue zu schaffen und die Wahrheit zu verkünden.” Und der Schöpfer dieses Prinzips — das erkennt selbst Herr Rohmer, den man in keiner Weise einen Philosophen nennen kann — soll die Philosophie sein. “Wir alle wissen, dass nur die deutsche Philosophie  den Grundstein einer höheren Zukunft uns legen kann.” (pag.188) Wir sind hiermit in das Schlusskapitel des Buches gelangt. Wie muss man hier bedauern, dass der Verf. so wenig von der Sache kennt, die er bespricht. Er will freilich nur “die allgemeine Wirkung der Philosophie auf die Zeit und die Menschen schildern”; wie soll er aber von den Wirkungen wissen, ohne das Wirkende zu verstehen? Unzählige Wirkungen der Philosophie wird er gar nicht für Ausflüsse derselben ansehen, weil seine Augen nie die Quelle erblickt haben. Als ein Zuschauer aus der Ferne macht er die sinnigsten Beobachtungen und eröffnet uns gar manche bittere Wahrheit; das Innerste aber trifft er nirgends, und was besonders die Bedeutung der Hegel’schen Philosophie betrifft, so überlässt er sich ganz der naiv-absprechenden Unkenntnis, die wir einem grossen Teile unserer wackersten südlichen Brüder zu Gute zu halten schon lange gewohnt sind. Fichte ist ihm “ein ganz anderer und einziger Mann”, und allerdings soll “ihn die deutsche Nation ewig als einen der Retter aus tiefer Not heilig halten”; wenn aber auch Hegel freilich die Leute nicht mehr unter der Devise: Für König und Vaterland! zu einem Rachekrieg entflammt, so weiss er doch — doch wohin verirre ich mich. Soll ich mit dem Verfasser über Hegel und Philosophie, ja auch nur über die Wirkungen derselben rechten? Ich achte ihn hoch und wiederhole es, dass sein Buch allen denen eine Freude sein wird, die nicht trägen Herzens sind; aber — von jenen Dingen versteht er nichts. Wer, der z.B. nur eine Burdach’sche oder Schubert’sche Psychologie kennt, zu geschweigen von der Hegel’schen und anderer aus ihr hervorgegangener, kann die Psychologie, die wir jetzt besitzen, nur für “ein armseliges Konglomerat von Notizen und Beobachtungen” ansehen, die “niemand eine Wissenschaft zu nennen den Mut haben werde?” Welche Wunderlichkeiten Herr Rohmer überhaupt unter Psychologie versteht, ist oben schon angedeutet worden. Das nennt er dann “die Lehre vom Geiste”, und erwartet von ihrer Ausführung goldene Tage. Und pag. 200 schreibt er der Philosophie nicht nur ihre Probleme vor, sondern auch die Resultate, zu denen sie führen müsse, die er ganz aus seinen Herzensbedürfnissen entnimmt, obgleich er kurz vorher (pag. 196) eine solche Scholastik nicht für Philosophie halten wollte. — Freilich hat die Philosophie und neuere Bildung nicht alle die Wirkungen, in denen

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des Verf. Wünsche erfüllt werden; aber das liegt eben an diesen Wünschen, die, wie schon gesagt, auf eine Versöhnung ausgehen ohne Entzweiung, und alte Begriffe von “Verbrüderung von Staat und Kirche, Fürstengewalt etc.” nicht sondern von neuen, oder eben nicht — radikal sind.

Leider können wir zum Schlusse wie durch das ganze Buch hindurch uns der traurigen Aussicht nicht erwehren, dass der Verf. seine prophetische Weltanschauung grösstenteils tauben Ohren predige, da diejenigen, welche von ihr begeistert zur Verwirklichung schreiten könnten, nur für eigene Gewalt und deren feste Begründung Sinn haben, ohne kosmopolitisch zu fühlen und zu wollen, die andern aber, die davon eingenommen werden sollen, bei weitem noch nicht frei genug sind von der Bedientenhaftigkeit der Gesinnung, um Ideen für mehr als ergötzliche Schwärmereien zu halten. Nur die Jugend und die jugendlichen Geister bleiben übrig, und in ihren Herzen wird diese Aussaat — das hoffen wir — so üppig aufgehen, dass das Unkraut der selbstsüchtigen Gewalthaber — und ihre Anzahl beträgt Millionen — nicht weiter wuchern kann.


 

 

 

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