NIETZSCHES DESTRUKTION

NIETZSCHE DESTRUKTION

 

 

 

 

 

 

DER REALITÄT MITTELS DER REDUKTION DER WIRKLICHKEIT AUF DIE REINE ERSCHEINUNG

Schon ehe Nietzsche in den 80er Jahren zum Propheten des heraufziehenden Nihilismus als der Entwertung aller bisherigen Werte wurde und der sinnentleerten Welt einen neuen Sinn mittels der Verkündigung der ewigen Wiederkehr und des Übermenschen zu geben,

und schließlich den Versuch unternahm, sämtliche Prozesse der unbelebten und belebten Natur aus dem Willen zur Macht abzuleiten, hatte er die Brücken zur überkommenen Metaphysik abgebrochen und den für Kants und Schopenhauers Erkenntnistheorie fundamentalen Unterschied zwischen

 

Erscheinung und Ding an sich durch die Streichung des zweiten bestritten. Diese Abwendung bereitet sich bereits in seinen kleinen Schriften aus dem Jahre 1873 „Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen“ (PZG) und „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn“ (WL) ab. In PZH 11 wendet er sich gegen die Unterscheidung zwischen dem vom Denken erschlossenen Sein und dem Nichtsein als ein Spiel mit Vorstellungen, das ohne Anschauung leer bleibt. Gegen diese Art von Begriffsmetaphysik beruft er sich darauf, dass die „Worte nur Symbole für die Relationen der Dinge untereinander und zu uns sind und <> nirgends die absolute Wahrheit <berühren>.“

 

Über die Einsicht in diese Relationen kommt der Mensch nicht hinaus. Die Existenz der Dinge selbst lasse sich nicht nachweisen: „Durch Worte und Begriffe werden wir nie hinter die Wand der Relationen, etwa in einen fabelhaften Urgrund der Dinge, gelangen und selbst in den reinen Formen der Sinnlichkeit und des Verstandes in Raum Zeit und Kausalität gewinnen wir nichts, was einer veritas aeterna ähnlich wäre.

 

Das klingt nach Kant, der denn auch ausdrücklich gegen Hegel in Anspruch genommen wird.Das Wort „esse“ (sein)“ bedeute ursprünglich „atmen“ und so sein alles Reden vom Sein nur eine analoge und daher anthropomorphe Existenzaussage.Diese Position hat Nietzsche in WL radikalisiert, indem er die Wahrheit zu einem „bewegliche[n] Heer von Metaphern, Metonymen, Amthropomorphismen“ oder „kurz [als] eine Summe von menschlichen Relationen, die poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen und geschmückt wurden“, so dass sich aus ihnen die Illusion, man rede von Wahrheiten ergeben habe, weil man den metaphorischen Charakter der Worte vergessen habe.

 

Auch die Gesetzmäßigkeiten, welche die Naturwissenschaften in der anorganischen und organischen Welt nachweisen, beruhten mit ihren Zahlenverhältnissen auf der Unverbrüchlichkeit der Zeit- und Raumvorstellungen, die wir in uns selbst produzierten.

Das Ding bleibt in solchen Überlegungen unangetastet, verliert aber damit auch jedes praktische Interesse, zumal Nietzsche Schopenhauers Gleichsetzung des Dings an sich und dem Willen schon in N. A. Herbst 1867 bis Frühjahr 1868[52] und [53] auf eine „poetische Invention“ zurückgeführt hatte Erst 1872 kommt Nietzsche in „Menschliches, Allzumenschliches I wieder auf die Problematik des Dinges an sich zu sprechen.

 

In seinem 1. Hauptstück, das die Überschrift „Von den ersten und letzten Dingen“ trägt, befinden sich zwei Aphorismen, mit denen sich Nietzsche erneut von der Metaphysik seiner Vorgänger distanziert. Es handelt sich um die Nr. 15 und 16, von denen der erste mit „Kein Innen und Außen in der Welt“ und der zweite mit „Erscheinung und Ding an sich“ überschrieben ist.

Die Annahme, dass jedes Ding ein Innen und ein Außen besäße und also zwischen seinem Wesen und seiner Erscheinung zu unterscheiden sei, besitze außer einem starken Glauben keinerlei Erkenntnisgrund. Damit ist auch schon der nächste Aphorismus vorbereitet, der sowohl den Satz, dass jede Erscheinung auf ein Ding an sich zurückgehe, wie seine Umkehr, dass zwischen der metaphysischen Welt und der Welt der Erscheinung keinerlei Verbindung bestehe, bestreitet.

 

Nach seiner Prognose würde die Aufdeckung der Entstehungsgeschichte des Denkens zu dem Resultat führen, dass das, was man jetzt die Welt nenne, das Resultat einer Menge von Irrtümern und Phantasien sei, zu denen auch die Lehre vom Ding an sich gehöre: „Vielleicht erkennen wir dann, dass das Ding an sich eines homerischen Gelächters wert ist: dass es so viel wie Alles zu bedeuten schien und eigentlich leer, nämlich bedeutungslos ist.

Zu den abzuräumenden Irrtümern hätte Nietzsche hier auch den Glauben an die Kausalität oder den Satz, dass Wirkung auf eine Ursache zurückgehe, aufzählen können, wie er es bereits in M II Nr. 121 getan hatte, wo er den Glauben an die Abfolge von Ursache und Wirkung auf die Regelmäßigkeit zurückgeführt hatte, in der auf ein bestimmtes Ding ein anderes bestimmtes Ding folgt.

Doch nun geht es ihm primär um den Nachweis, des illusionären Charakters des Glaubens an die Freiheit des Willens:

Statt zu erkennen, dass der Hunger auf eine organische Forderung der Selbsterhaltung zurückgeht, hätte man das Gefühl für grundlos gehalten und ihm (so müssen wir ergänzen) einem Willensentschluss unterstellt. „Insofern aber alle Metaphysik sich vornehmlich mit Substanz und Freiheit des Willens abgegeben hat, so darf man sie als die Wissenschaft bezeichnen, welche von den Grundirrtümern des Menschen handelt, doch so, als seien sie Grundwahrheiten.

 

Da aller bisherige Glaube an den Wert und die Würdigkeit des Lebens auf unreinem Denken beruhte, müsste der Einsichtige im Blick auf das unglückliche Gesamt- bewusstsein der Menschen am Wert des Lebens verzweifeln und mit einem Fluch auf das Dasein zusammenbrechen; „denn die Menschheit hat im Ganzen keine Ziele, folglich kann der Mensch, in Betrachtung des ganzen Verlaufes, nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine Verzweiflung.