KRITIK AM ÜBERKOMMENEN

DISSERTATION

 

 

 

 

 

 

 

Selbstverständlich weicht Nietzsches Herangehensweise an die Wesensfrage deutlich von derjenigen seiner in der Tradition des Rationalismus, der Transzendentalphilosophie oder des Idealismus stehenden Vorgänger ab. Besonders gut bekannt und vielfach diskutiert ist seine vernichtende Kritik am cartesischen Cogito, das zur Bestimmung der menschlichen Seele als res cogitans führte.

Es genügt daher, an Nietzsches Hauptargumente zu erinnern: Das Cogito sei nicht so voraussetzungslos und apriorisch, wie Descartes suggeriere, sondern erfordere eine Reihe von Prämissen, „zum Beispiel, dass ich es bin, der denkt, dass überhaupt ein Etwas es sein muss, das denkt, dass Denken eine Thätigkeit und Wirkung seitens eines Wesens ist, welches als Ursache gedacht wird, dass es ein ‚Ich’ giebt, endlich, dass es bereits fest steht, was mit Denken zu bezeichnen ist, – dass ich weiss, was Denken ist“.

Zudem sei selbst dann, wenn eindeutig geklärt werden konnte, dass es sich um einen Akt des Denkens handelt, noch überhaupt nicht klar, wem dieser Akt zugeschrieben werden dürfe, „so dass es eine Fälschung des Thatbestandes ist, zu sagen: das Subjekt ‚ich’ ist die Bedingung des Prädikats ‚denke’. Es denkt: aber dass dies ‚es’ gerade jenes alte berühmte ‚Ich’ sei, ist, milde geredet, nur eine Annahme, eine Behauptung, vor Allem keine ‚unmittelbare Gewissheit’“. Im Grunde sei „schon mit diesem ‚es denkt’ zu viel gethan“, das auch nur eine „Auslegung des Vorgangs“ und eine grundlose Annahme darstelle (ebd.), denn Nietzschesieht darin einen typischen Fall von Unterschiebung eines Subjekts, von Hinzudichtung eines Täters zur Tat.

Die „Mythologie“ der Trennung von Wirkung und Wirkendem, die letztlich der Grammatik unserer Sprachen geschuldet ist, gehört für Nietzsche zu den größten Irrtümern der Philosophie  und wird von ihm zeitlebens heftigst bekämpft. Aus seiner Abrechnung mit Descartes gewinnt er die Erkenntnis, dass nicht „das ‚Ich’ es ist, was denkt“, dass vielmehr „das Ich selber als eine Construktion des Denkens“ zu nehmen sei, „also nur als regulative Fiktion, mit deren Hülfe eine Art Beständigkeit, folglich ‚Erkennbarkeit’ in eine Welt des Werdens hineingelegt, hineingedichtet wird“. Er rät daher dazu, nicht nur die Redeweise vom ‚Ich’ abzuschaffen, sondern gleich ohne jeden Subjektbegriff, „ohne jenes kleine ‚es’ (zu dem sich das ehrliche alte Ich verflüchtigt hat) auszukommen“.

Der zweite Punkt, an dem Nietzsche allen Philosophen seit Aristoteles widerspricht, ist die Hypothese von der Unveränderlichkeit des Menschen, d. h. seiner Essenz. Schon im zweiten Aphorismus von „Menschliches, Allzumenschliches“ kritisiert er, dass jahrhundertelang „’der Mensch’ als eine aeterna veritas, als ein Gleichbleibendes in allem Strudel“ verstanden worden sei. Dieser „Erbfehler aller Philosophen“ sei begründet in einem „Mangel an historischem Sinn“, denn sie hätten nicht eingesehen, „dass der Mensch geworden ist“ wie alles in der Natur (ebd.).

Also könne von „unveränderlichen Thatsachen des Menschen“ keine Rede sein . Vor diesem hintergrund ist auch ein Aphorismus einige Seiten später zu verstehen, in dem Nietzsche zugibt, dass zwar wegen der kurzen individuellen Lebensdauer die Veränderlichkeit des Menschen kaum zum Tragen komme, dass man mithilfe eines Gedankenexperiments jedoch zu einer anderen Auffassung gelangen könne: „Dächte man sich aber einen Menschen von achtzigtausend Jahren, so hätte man an ihm sogar einen absolute veränderlichen Charakter: so dass eine Fülle verschiedener Individuen sich nach und nach aus ihm entwickelte“.

 

Offenbar hält Nietzsche nicht nur den einzelnen Menschen für veränderlich, sondern ebenso die Menschen als Gattung betrachtet, weswegen er zusammen mit der „Lehre von der Unveränderlichkeit des Charakters“ immer auch die Lehre von der ewigen Essenz oder ousia des Menschen verwirft. Wenn nun aber der Mensch als solcher ein durch und durch geschichtliches, werdendes, veränderliches Wesen ist, muss jeder Versuch einer Begriffsbestimmung scheitern, denn „definirbar ist nur Das, was keine Geschichte hat“. Wenn Nietzsche überhaupt noch von der „Seele“ redet, dann nicht im Sinne des einen festen, unvergänglichen Zentrums des Menschen, das man nur zu„entdecken“ bräuchte, sondern im Sinne einer „Vielheit“, deren Sterblichkeit er betont. Jeder Mensch birgt demnach „viele sterbliche Seelen in sich“.

 

 

 

 

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