SELBST LEIB-INDIVIDUALISMUS UND VERALLGEMEINBARKEIT

DISSERTATION

 

 

 

 

 

 

 

 

Kann nun ein Philosoph, der sowohl das ‚Ich’ wie die ‚Seele’ wie überhaupt die essenzielle Unveränderlichkeit des Menschen leugnet, die Wesensfrage stellen bzw. Sinnvoll beantworten? Er kann – aber seine Antwort wird ganz anders ausfallen müssen als alle bisherigen, und schon die Frage wird anders gestellt werden.

Ohne die folgenden Kapitel vorwegnehmen zu können oder zu wollen, ist bereits hier festzuhalten, dass Nietzsche das „Ich“ des Menschen nicht nur begrifflich, sondern vor allem inhaltlich durch das „Selbst“ ersetzt, denn, so sagt es Zarathustra: „Hinter deinen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger Gebieter, ein  unbekannter Weiser – der heisst Selbst“ (Z I, 40). Nietzscheverlagert auf diese Weise den  Schwerpunkt, der bei den Philosophen bisher auf demMenschen im Allgemeinen, ‚an sich’ und als solchem lag, auf den Einzelnen, auf das, was traditionell das „Individuum“ genannt wurde, was nun aber ganz und gar nicht mehr alsunteilbar und unveränderlich angesehen werden darf.

Schon Nietzsches Gleichsetzung von Charakter und Wesen zeigt, wie sehr er bei seiner Betrachtung des Menschen vom Einzelfall her denkt, auf den allein der Begriff „Selbst“ passt, denn dieser bezeichnet alles, was zu meiner Entwicklung gehört, was mich ausmacht und was ich mein Ureigenes nenne, über dasMich mich noch viel mehr definiere als über den so inflationär gebrauchten und doch im Dunkeln bleibenden Ichbegriff. Das „Ich im Vergleich zum ‚Selbst’“ erscheint nur „oberflächlich und arm“ (X, 9[40], 357). Daher identifiziert Nietzsche das Selbst auch mit dem „Leib“ (Z I, 40; vgl. Z I, 36), den es nicht als Allgemeines, sondern nur als Konkretes und Jeweiliges gibt und der wie nichts anderes für Komplexität und Fülle, für Intimität und Privatheit steht. So ist Nietzsches Suche nach dem Wesen des Menschen immer zu verstehenals Suche nach dem Persönlichen, Individuellen und Identitätsstiftenden des leiblichen Selbst.

Aber so wie Nietzsche in seinen Werken trotz seiner anderslautenden Beteuerung nicht nur sich selbst meint, sondern für jeden Leser Relevantes anspricht, so gestaltet sich seine Suche nach dem Selbst nicht als Aneinanderreihung von Einzelfällen, was sie zu einem unmöglichen,  unabschließbaren Projekt werden ließe, sondern sie zielt letztlich auf ein allenMenschen Gemeinsames, selbst wenn Nietzsche dieses niemals zur „Substanz“ oder zur „Idee“ des Menschen hypostasieren würde. In vielen seiner Werke und Aufzeichnungen ist der Versuch erkennbar, das menschliche Wesen begrifflich zu fassen, im Prinzip nicht viel anders als es Philosophen vor Nietzsche getan haben.

Am bekanntesten ist vielleicht Zarathustras Ansatz: „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch, – ein Seil über einem Abgrunde. / Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben. / Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein Übergang und ein Untergang ist“.

Auch wenn auf diese Äußerung hier noch nicht  weiter eingegangen werden kann, sondern sie sich erst imweiteren Voranschreiten nach und nach erhellen wird, ist es doch wichtig einzusehen, dass dies nicht etwa die einzige Stelle ist, an der sich Nietzsche explizit und verallgemeinernd zum Menschenwesen Gedanken macht. In den Notizen aus dem Umfeld des „Zarathustra“ liestman: „Ein höheres Wesen als wir selber sind zu schaffen, ist unser Wesen“.

In „Jenseits von Gut und Böse“ heißt es, die „Seele“ eines jeden – Nietzsche benutzt hier tatsächlich diesen traditionsbeladenen Begriff – könne „ein Labyrinth, aber auch ein Goldschacht sein“. Und ein durch die Kompilation „Der Wille zur Macht“ zu einiger Berühmtheit gelangtes Fragment von 1885 endet mit den Worten: „Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht – und nichts außerdem!“. Ebenfalls sehr bekannt ist Nietzsches Bemerkung, „dass der Mensch das noch nicht festgestellte Thier ist“ .

Das impliziert gleich zwei Aussagen über den Menschen: Erstens ist er ein Tier und zweitens ist er noch nicht festgestellt, d. h. sein Wesen mag unklar oder unbekannt sein, aber es besteht die Möglichkeit, es in Zukunft zu erfassen.Offen bleibt allerdings, ob Nietzsche das Unternehmen der Feststellung für aussichtsreich hält.

 

Hingewiesen sei schließlich noch auf die enigmatische ‚Glücksformel’ aus Nietzsches Spätwerk: „Formel meines Glücks: ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie ein Ziel …“ .

Mit denselben Worten ist die „Formel unsres Glücks“ im „Antichrist“ beschrieben. Diese Äußerungen sind deshalb so rätselhaft und verblüffend, weil Nietzsche ansonsten ganz und gar nicht dazu neigt, seine Überzeugungen in „Formeln“ gießen zu wollen, bzw. Bei solchen Versuchen große Variabilität beweist. Jedenfalls ist es denkbar, dass er damit auf die philosophische Grundfrage nach den Bedingungen für ein gutes, glückseliges Leben antworten will, auf die Frage, wie der Mensch leben soll. Dies ist ein starker Hinweis darauf, dass er die dieser notwendigerweise noch vorausgehende Frage, was der Mensch – und zwar der Mensch ‚im Allgemeinen’ – ist, schon gestellt und wahrscheinlich auch schon beantwortet hat.

 

Nicht von ungefähr wendet sich Nietzsche daher in seiner Vorrede zur Neuauflage des zweiten Teils von „Menschliches, Allzumenschliches“ an alle, die mehr sind „als irgend ein Einzelner“, weil sie eben „nicht ‚nur Einzelne’“ sindSo lässt sich auch die viel diskutierte weil äußerst rätselhafte Wendung „für Alle und Keinen“ verstehen, die nicht nur den Untertitel des „Zarathustra“ bildet, sondern auch in eben diesem Werk wie in Nietzsches Aufzeichnungen dazu vielfach zitiert und variiert wird . Keiner ist gemeint, insofern es den Menschen nicht gibt, aber Alle sind betroffen, weil wir alle Menschen sind. Jemeinigkeit und Wesenhaftigkeit gehen Hand in Hand, wie sich auch an Nietzsches Umgang mit überlieferten Konzepten und Begriffen zeigt. Er notiert sich einmal: „eigene ‚Seele’ will ich sagen für Individualit<ät>“. So verbindet sich bei ihm der übliche philosophische Anspruch, ein Allgemeines, allen Gemeinsames und für alle Relevantes festzustellen, mit dem Beharren auf dem Standpunkt des einzelnen Selbst.

 

 

 

 

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