ZUM VERHÄLTNIS VON MACHT GEWALT UND OHNMACHT

STIRNERIANA

 

 

 

 

 

 

 

Die Beziehungen zwischen den Menschen sind durchdrungen von Phänomenen, die man in der Wissenschaft auf die Begriffe Macht, Gewalt und Ohnmacht gebracht hat. Je nach dem Erkenntnisinteresse der verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen hat man die Phänomene in unterschiedlichster Weise qua „Machttheorien“ zu systematisieren gesucht.

In der Politischen Wissenschaft wird das Wesen der Politik zurückgehend auf Max Webers vielzitierte Machtdefinition von vielen Politologen „im Erwerb, Gebrauch, Mißbrauch und Verbrauch von M. (Macht – GB)“ gesehen, kurz in der Frage: Wer herrscht über wen? Dabei wird Gewalt in der Regel als das letzte Mittel zur Durchsetzung der Macht angesehen, d. h. es wird umgekehrt davon ausgegangen, daß Macht letztlich auf Gewalt beruht.

Bekanntlich haben Nominaldefinitionen, wie die Webers, den Nachteil, daß sie aus der „Wirklichkeit gleichsam herauspräpariert … und in begrifflicher Reinheit nur selten in ihr anzutreffen“ sind. Phänomene wie Macht und Gewalt sind äußerst vielgestaltig und komplex, so daß ihre Betrachtung meines Erachtens eine phänomenologische Begriffsbestimmung nahelegt, die aufzuzeigen versucht, was Stirner meint.

Insbesondere ist aber Stirners Sprach- und Begriffsverständnis selbst, sein Nominalismus, ausschlaggebend für diese Herangehensweise.

„Was Stirner sagt,“ schreibt Stirner in seiner Reaktion auf Rezensenten von sich in der dritten Person, „… ist kein Wort, kein Gedanke, kein Begriff. Was er sagt, ist nicht das Gemeinte, und was er meint, ist unsagbar.“

Stirners Philosophie hat ihren Ausgangs- und Endpunkt in dem Menschen, verstanden nicht als Gattungswesen, sondern als leibhaftiges, also endliches und vergängliches Individuum.

„Gott und die Menschheit haben ihre Sache auf Nichts gestellt, auf nichts als auf Sich. Stelle Ich denn meine Sache gleichfalls auf Mich, der ich so gut wie Gott das Nichts von einem Andern, der Ich mein Alles, der Ich der Einzige bin.“

Der Aufspaltung des Menschen in einen Ewigen und einen Zeitlichen durch das Christentum setzt Stirner das persönliche, sinnliche Individuum entgegen:

„Freilich kann Ich nicht denken, wenn Ich nicht sinnlich existiere. Allein zum Denken wie zum Empfinden, also zum Abstrakten wie zum Sinnlichen brauche Ich vor allen Dingen Mich, und zwar Mich, diesen ganz Bestimmten, Mich diesen Einzigen.“

Hinter allen Eigenschaften und Fähigkeiten des Individuums, seinem Denken, Fühlen und Handeln, steht sein besonderes, einziges Ich. In ihm begründet sich alle Macht und Gewalt, vermittels derer es sich selbst und seine Umwelt erschafft. „Wesenskern des Ichs ist seine sich selbst setzende Macht und gemäß dieser Macht setzt es sich als sein Geschöpf.“Den Einzigen nennt Stirner denjenigen, der um diese ihm eigene Kraft des Sichselbstsetzens, d. h. um seine eigene Macht weiß.

Dieses Ich soll sein Selbst zum Mittelpunkt und zur Hauptsache von allem erheben, Selbstzweck werden. „‚Selbstzweck‘ – Sein“‚ inhaltlich durch Egoismus oder Eigenheit als schöpferische Triebkräfte charakterisiert, ist die natürliche Bestimmung und Aufgabe des Einzelnen. Letzterer hat die Wahl zwischen der Freiheit, „Freiheit nämlich von der Selbstbestimmung, vom eigenen Selbst“ [EE 172], und der Eigenheit:

„Eigenheit, das ist mein ganzes Wesen und Dasein, das bin Ich selbst. Frei bin ich von Dem, was Ich los bin, Eigner von dem, was Ich in meiner Macht habe, oder dessen Ich mächtig bin.“

Macht und Gewalt gründen für Stirner ausschließlich in den einzelnen Individuen.

Worüber das Individuum Macht hat, das bezeichnet Stirner als sein Eigentum, wobei die Eigenheit die besondere Form der Ausübung der Macht- und Verfügungs-gewalt durch die Einzigen ist, die sie zu Eignern macht: Die Eigenheit soll also kein Dogma sein, sondern „nur eine Beschreibung des – Eigners.“

Eigner ist das Individuum soweit, als seine Kraft des Sichselbstsetzens reicht: „Als Eigene seid Ihr wirklich Alles los, und was Euch anhaftet, das habt Ihr angenommen, das ist eure Wahl und euer Belieben.“

Jene Kraft bezieht sich vor allem aber auf die eigene Person selbst. „Mein eigen bin ich jederzeit und unter allen Umständen, wenn ich Mich zu haben verstehe und nicht an Andere wegwerfe.“

Seine Macht ermöglicht es dem Eigenen, sich gegenüber sich selbst und der Umwelt als Gewaltausübender, d. h. als Fühlender, Handelnder, Wollender etc. zu setzen. Alles, was das Individuum sich solchermaßen aneignet, das ist für Stirner sein Eigentum.

„Worüber man Mir die Gewalt nicht zu entreißen vermag, das bleibt mein Eigentum; wohlan so entscheide die Gewalt über das Eigentum, und Ich will Alles von meiner Gewalt erwarten! Fremde Gewalt, Gewalt, die Ich einem Andern lasse, macht Mich zum Leibeigenen; so möge eigene Gewalt Mich zum Eigner machen. Ziehe ich denn die Gewalt zurück, welche Ich Andern aus Unkunde über die Stärke meiner eigenen Gewalt eingeräumt habe! Sage Ich Mir, wohin meine Gewalt langt, das ist mein Eigentum, und nehme Ich alles als Eigentum in Anspruch, was zu erreichen Ich Mich stark genug fühle, und lasse Ich mein wirkliches Eigentum so weit reichen, als Ich zu nehmen Mich berechtigte, d. h. – ermächtige.“

Die Gewalt existiert im Einzelnen als eine jederzeit aktualisierbare Eigenschaft, die ihm ermöglicht, „unumschränkte Herrschaft über Etwas“ ‚ Eigentum zu erringen, verstanden als Verfügung über Existierendes. Der Einzelne hat Eigentum immer nur daran, worüber er aktuell verfügt, gleichsam soweit sein Einflußbereich reicht; sein Eigentum ist nicht das Andere, sondern seine Verfügung über es.

Insoweit beschreibt die Gewalt jedes Vermögen des Einzelnen, sich, andere und anderes für seine Zwecke verfügbar zu machen, für sich einzunehmen. Dieses Vermögen unterliegt keiner anderen Begrenzung als der durch das reale Ich gesetzten; vermag ich beispielsweise, anderen Lust zu verschaffen, so kann ich mich bei Bedarf an seinem Lächeln erfreuen, oder mich für meine Gewalt, die ihm Lust bereitet, honorieren lassen, denn sein Lächeln, seine Lust ist Ausdruck meiner Gewalt. Gleichfalls kann ich auch, wenn ich es mir erlaube und zu meinem Vorteil gereichen lasse, einen Menschen töten. Entscheidend ist, daß der Einzelne sein Vermögen für seine Zwecke einsetzt.

An Hand dieses Kriteriums, seines Egoismus, bestimmt der Einzelne den Umfang seiner Gewalt, d. h. letztere wird ausschließlich individuell legitimiert. Das Individuum hat so viel Gewalt als es bewußt egoistisch ist. „Greife zu (sagt der Egoismus – GB) und nimm, was Du brauchst! … Ich allein bestimme darüber, was Ich haben will.“ Daß gleichwohl in der historischen Entwicklung Mächte über die einzelnen Individuen sich herausgebildet haben, ist der Mißachtung der Individuen sich selbst gegenüber geschuldet, ihrem Glauben an fremde Mächte, denen sie sich anvertrauten.

„Vor dem Heiligen verliert man alles Machtgefühl und allen Mut: man verhält sich gegen dasselbe ohnmächtig und demütig. Und doch ist kein Ding durch sich heilig, sondern durch Meine Heiligsprechung, durch Meinen Spruch, Mein Urteil, Mein Kniebeugen, kurz durch Mein – Gewissen.

Heilig ist Alles, was dem Egoisten unnahbar sein soll, unberührbar, außerhalb seiner Gewalt, d. h. über ihm: heilig mit Einem Worte jede Gewissensache, denn ‚dies ist Mir eine Gewissensache‘ heißt eben: ‘dies halte ich heilig‘.

… Es gehört dazu (dem eigentlichen Standpunkte der Religion – GB), daß man etwas außer sich für mächtiger, größer, berechtigter, besser usw. hält, d. h. daß man die Macht eines Fremden anerkennt, also nicht bloß fühlt, sondern ausdrücklich anerkennt, d. h. einräumt, weicht, sich gefangen gibt, sich. binden läßt (Hingebung, Demut, Unterwürfigkeit, Untertänigkeit usw.).

Bindet sich ein Individuum an eine ihm äußerliche Zwecksetzung, so stellt es sich in den Dienst einer fremden, von Stirner als „heilig“ bezeichneten Sache. Dadurch tritt sein Egoismus, sein „Selbstzweck-Sein“ zurück hinter der Dienstbarkeit für einen anderen Zweck; der fehlende Glaube an das eigene schöpferische Vermögen, an die eigene Gewalt konstituiert somit eine fremde, weil höher als die eigene bewertete, Gewalt, von der nunmehr gleichwohl die Erfüllung des eigenen Zwecks erhofft wird.

Indem das einzelne Individuum sich dieser Art von Zwecksetzung unterwirft, anerkennt und verinnerlicht es den Standpunkt des Sollens, d. h. anstatt sich selbst zu bestimmen, unterliegt es einer Fremdbestimmung ; das Individuum verleugnet seine Eigenheit, seinen Eigenwillen, und ergibt sich ohnmächtig und demütig einem fremden Willen, der damit über es verfügt, d. h. Gewalt (über es) hat. „Meine (Herv. durch Verf.) Freiheit weiß ich schon dadurch geschmälert, daß Ich an einem Andern (sei dies Andere ein Willenloses, wie ein Fels, oder ein Wollendes, wie eine Regierung, ein Einzelner usw.) meinen Willen nicht durchsetzen kann; meine Eigenheit verleugne Ich, wenn Ich Mich selbst – angesichts des Andern aufgebe, d. h. nachgebe, abstehe, Mich ergebe, also durch Ergebenheit, Ergebung.“

Stirner erhebt das Subjekt durch den Zugriff auf sein Gewaltpotential zum eigentlichen Sinn und Zweck von allem. Jenes Potential ist die Kraft, äußere Umstände und das eigene Selbst beeinflussen zu können; das Bewußtsein davon ist der Eigenwille. Gewalt- und Bewußtseinsphänomene sind demnach nur insofern von positive Sinngehalt, als sie Äußerungen eines konkreten Subjekts sind, und unter seiner Souveränität stehen; Bewußtsein und Gewalt kann immer nur „Mein Bewußtsein“  und „Meine Gewalt“ sein. Somit hat Stirner ein „Zwangsverhältnis“konstruiert zwischen der Souveränität des Subjekts und der eines Andern (sei es der Staat, das Heilige, oder was auch immer): Wird die Erstere wahrgenommen, so hebt sie das Andere auf, nimmt sie gleichsam in sich zurück.  Voraussetzung ist nur, daß das eigene Potential vom Subjekt erkannt und wahrgenommen wird. Geschieht dies nicht, so ist es ohnmächtig, woran es erkennen kann, daß es von einer fremden Gewalt beherrscht wird. Die Ohnmacht der Einzelnen ist das Kriterium für die Existenz einer fremden Herrschaft über das Ich des Einzelnen.

Nachdem Stirners inhaltliche Bestimmung der Begriffe Macht, Gewalt und Ohnmacht und ihres Verhältnisses zueinander nunmehr dargelegt ist, scheinen noch einige Überlegungen zum sprachlichen Gebrauch der Begriffe angezeigt.

Vergleicht man die Begriffsverwendung von Macht, Gewalt und Ohnmacht bei Stirner, so ist evident, daß Stirner die Begriffe in ihrer umfassenden Bedeutung versteht, wobei in der Regel bestimmte Akzente variiert werden. Er sieht Macht als einen Teil der Gewalt an; Macht und Herrschaft werden von Stirner zurückgeführt auf ihren Ursprung, auf die Körperlichkeit der Existenz.

Er nimmt eine Verkörperlichung der Macht vor, so daß sich die folgende Reihenfolge ergibt: Kraft – Gewalt – Macht – Herrschaft – Gewalt.

Um sich dies zu vergegenwärtigen, ist es sinnvoll die englische Sprache heranzuziehen, die Gewalt als violence, power und force kennt. Stirners Gewaltbegriff beinhaltet alle Bedeutungen: Sein Machtbegriff entspricht in der Regel der Bedeutung von power, was eine Kraft oder ein Vermögen bezeichnet. Gelegentlich verwendet er Macht auch im Sinne von „sich einer Sache bemächtigen“, was wiederum Bedeutungsinhalte von Gewalt sind, die im Englischen durch violence und force ausgedrückt werden; violence meint die physische Gewaltanwendung, hingegen bedeutet force vor allem eine psychische Beeinflussung etwa als Zwang oder Nötigung.

So gesehen beinhaltet Stirners Gewaltbegriff alle drei Bedeutungsebenen; wenn also im Folgenden von Gewalt die Rede ist, so keineswegs nur im Sinne der Existenz physischer Gewalt.

 

 

 

 

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