BILDUNGSBEGRIFF UND BILDUNGSWESEN

DISSERTATION

 

 

 

 

 

 

An Nietzsches Kritik der modernen Pädagogik fällt auf, dass er sich zu allen Zeiten vehement gegen eine Gleichsetzung von „Bildung“ und „Ausbildung“ wehrt, gegen ein Schul- und Universitätssystem, das nicht auf eine möglichst breite Persönlichkeitsförderung, sondern auf einen möglichst raschen Erwerb nützlicher, weil berufsqualifizierender Kenntnisse ausgerichtet ist.


Hinzu kommt seine dauerhafte Geringschätzung für die „historische Bildung“, sofern sie die Schüler und Studenten einer unübersehbaren, ungeordneten Flut von Fakten aus der Vergangenheit aussetzt und damit jede Selbstfindung verhindert. Immer wieder betont Nietzsche den Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Bildungsbegriff, den eine Gesellschaft vertritt, und der Persönlichkeitsentwicklung des zu erziehenden Individuums.
Schon in den ansonsten philosophisch weniger interessanten Vorträgen „Ueber die Zukunft unserer Bildungsanstalten“ spürt man seine Ablehnung eines Schulwesens, in dem „die uniformierte Mittelmäßigkeit“ dem Individuellen vorgezogen wird. Entschieden äußert er sich in der zweiten „Unzeitgemäßen Betrachtung“ gegen die moderne historische Bildung, weil sie nicht „Persönlichkeiten“, sondern „lauter ängstlich verhüllte Universal-Menschen“ erzeuge, was natürlich auch ihre Absicht ist, da man sich nicht im „Zeitalter der fertig und reif gewordenen, der harmonischen Persönlichkeiten“ befinde, sondern im Zeitalter „der gemeinsamen möglichst nutzbaren Arbeit“.
In seinen späteren Werken wiederholt Nietzsche diese für ihn charakteristische, an der Frage nach der Selbstfindung des Einzelnen orientierte Bildungskritik: „Das Individuum wird von seinen Erziehern behandelt, als ob es zwar etwas Neues sei, aber eine Wiederholung warden solle. Erscheint der Mensch zunächst als etwas Unbekanntes, nie Dagewesenes, so soll er zu etwas Bekanntem, Dagewesenen gemacht werden“.
Daher sei die „Jugend- Erziehung durch Andere“ häufig „eine grundsätzliche Nivellierung, um das neue Wesen, welches es auch sei, den Gewohnheiten und Sitten, welche herrschen, gemäss zu machen […]“. Stets richtet er sich gegen einen Bildungs- und Wissensbegriff, „der die Entselbstung und Entpersönlichung des Geistes gleichsam als Ziel an sich, als Erlösung und Verklärung“ feiert und dem der „objektive Mensch“, welcher nur „Spiegel“, nicht „Selbstzweck“ oder „Person“ ist, als ideales Erziehungsergebnis gilt.
Nietzsches eigene, eindeutig vom griechischen eidos-Begriff geprägte Idealvorstellung hingegen ist die einer Bildung im Sinne von Gestaltbildung, denn: „Gebildet nennen wir den, der ein Gebilde geworden <ist>, eine Form bekommen hat“). Jeder gute Pädagoge muss daher auf das Individuelle, Charakteristische und Unverwechselbare Wert legen und muss die Selbstbesinnung des Schülers fördern, indem er auch die „persönlichsten Fragen der Wahrheit“ nicht ausspart: „’Was ist Das eigentlich, was ich thue? Und was will gerade ich damit?’“.
Somit wird auch an Nietzsches Bildungsbegriff und vor allem an seinen Abgrenzungsversuchen gegen das Bildungswesen, die Bildungsinhalte und pädagogischen Vorstellungen seiner (und vielleicht nicht nur seiner?) Zeit deutlich, wie immens wichtig ihm die Beschäftigung mit dem Ureigenen und Wesentlichen des menschlichen Selbstseins ist.

 

 

 

image_pdfScaricare PDFimage_printStampare testo
(Visited 95 times, 1 visits today)