DER „FREIE GEIST“ DER LIBERALISMEN UND SEINE WIRKUNG AUF DIE EINZELNEN

STIRNERIANA

a) Die Gewaltausübung durch den politischen, sozialen und humanen Liberalismus In dem Kapitel „Die Freien“ unterscheidet Stirner zwischen dem politischen, sozialenM und humanen Liberalismus. Die Unterscheidung begründet sich dadurch,daß im politischen Liberalismus der Staat oder die Staatsgesellschaft, im sozialen Liberalismus hingegen die Gesellschaft das allgemeine Prinzip verkörpern, das die Menschen unter sich vereint.

Im humanen Liberalismus schließlich wird der Mensch als Gattungswesen schlechthin begriffen, um von daher seine Bedeutung zu erfahren.

 

DER POLITISCHE LIBERALISMUS

Unter dem Begriff des politischen Liberalismus subsumiert Stirner die politischen und philosophischen Vorstellungen der Aufklärung, die die Trennung des Staates von der bürgerlichen Gesellschaft beinhalten. Die Unterscheidung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft im politischen Liberalismus korrespondiert mit derjenigen von Staatsleben und Privatleben (Bourgeois und Citoyen).
Das öffentliche oder Staatsleben soll die „menschliche“ Gemeinschaft begründen, deren Mitglieder sich dem Postulat der Menschenwürde unterstellen und sich nur in ihrer reinen Menschlichkeit anerkennen. Die in diesem Zusammenhang Stehenden bilden die Nation, deren Zusammenhalt der Staat verkörpert und gewährleistet.
Das von Stirner so bezeichnete „Unmenschliche“, das dem Prinzip der reinen Menschlichkeit im öffentlichen Leben widerspricht, findet seinen privaten Ausdruck in der bürgerlichen Gesellschaft: „Was Unmenschliches oder ‚Egoistisches‘ an Uns haftet, das ist zur ‚Privatsache‘ erniedrigt, und Wir scheiden genau den Staat von der ‚bürgerlichen Gesellschaft‘, in welcher der ‚Egoismus‘ sein Wesen treibt.“
Das Bürgertum ist ein Produkt der Empörung gegen die Herrschaft privilegierter Stände in feudal strukturierten Gesellschaften und deren Sonder-Interessen. In der Ständemonarchie – für Stirner gleichbedeutend mit absolutem Königtum – waren die Einzelnen der Gewalt des Königs ausgesetzt, vermittelt über viele kleine Monarchien (den Ständen, Zünften, Städten etc.) als vorrangige Korporationen, denen primär Gehorsam zu zollen war.
Das Bürgertum als dritter Stand wandte sich in seiner Revolution überhaupt gegen die Herrschaft einer Vielzahl von Ständen – nicht etwa nur gegen die beiden privilegierten –; es errichtete anstatt einer beschränkten eine „absolute, vollkommenere Monarchie“ durch die Verklärung und Verallgemeinerung des eigenen Standes zur Nation bzw. zum Staat: „Was Jahrtausende ersehnt und erstrebt wurde, nämlich jenen absoluten Herrn zu finden, neben dem keine anderen Herrn zu finden, neben dem keine andern Herren und Herrchen mehr machtverkürzend beständen, das hat die Bourgeoisie hervorgebracht. Sie hat den Herrn offenbart, welcher allein ‚Rechtstitel‘ verleiht, und ohne dessen Gewährung nichts berechtigt ist.Aus den Vorrechten einer Vielzahl kleinerer, persönlicher Herrscher warden Rechte der Nation und des Staates, als dessen Repräsentant, nicht nur im engen Sinn der Rechtsetzung: Die Nation oder das Volk ist nunmehr die einzige (rechtmäßige) Quelle der Gewalt und damit auch von Recht und anderen noch zu erörternden Bestimmungen.
Im Staat des politischen Liberalismus sollen die Sonderinteressen aufgehoben sein zugunsten der Verfolgung des allgemeinen Interesses des Volkes.Sein Ziel, so Stirner, „ist eine ‚vernünftige Ordnung‘, ein ‚sittliches Verhalten‘, eine ‚beschränkte Freiheit‘ … eine Vernunftherrschaft“.
Im Folgenden sollen nun die bedeutendsten Prinzipien dieser auf dem Vernunftprinzip gegründeten Ordnung des politischen Liberalismus dargestellt und die sich daraus ergebenden Forderungen an den Einzelnen analysiert werden.
Der politische Liberalismus hat nach Stirner die Herrschaft von Personen über andere ersetzt durch die alleinige Herrschaft des Staats; diese ist unpersönlich in dem Sinne, als daß sie ihre Legitimation nicht aus dem Willen eines Einzelnen, sondern aus dem des Volkes bezieht.
Ist auch die Willkür und der Befehl einzelner Individuen gegenüber anderen beseitigt, so doch nicht die Herrschaft schlechthin. Diese gründet sich nunmehr auf sachlichen geistigen Prinzipien, denen gegenüber die gleichgestellten Bürger zum Gehorsam verpflichtet werden – eine Herrschaft also im Interesse der Sache.
Diese Prinzipien finden ihren Niederschlag im „Staatsgrundgesetze“ und in der „Gesetzlichkeit“, wodurch das Bürgertum zugleich seine Macht begründet und beschränkt
Solche Art von Herrschaft konstituiert ein bestimmtes Freiheitsverständnis, nach dem der Mensch politisch und individuell frei sein soll.
Individuelle Freiheit gewährt der politische Liberalismus, so Stirner, nur in dem Sinne der „Unabhängigkeit von Personen. Individuell frei ist, wer keinem Menschen verantwortlich ist. In diesem Sinne gefaßt – und man darf sie nicht anders verstehen – ist nicht bloß der Herrscher individuell frei, d. i. unverantwortlich gegen Menschen (…)‚ sondern Alle, welche ‚nur dem Gesetze verantwortlich sind.‘“
Die vermittels des Rechts: garantierte individuelle Freiheit beinhaltet nicht die Freiheit einer wollenden Person, sich in seinen Handlungen vollkommen frei und selbstverantwortlich zu entfalten, sondern einen Schutz der prinzipiellen Unabhängigkeit jedes Bürgers gegen willkürliche oder beliebige Handlungen einer anderen Person.
Wenn das individuelle Handeln auch „nicht von der persönlichen Bestimmung eines Andern abhängt“‚ so ist es gleichwohl nicht ungebunden, denn es unterliegt jetzt dem Gesetz.
Der individuelle Befehl eines Monarchen hat also für Stirner die allgemeine Form des Rechtes angenommen, durch die der individuelle Wille nun ebenso unterdrückt wird wie eh und je.
„Im Bürger-Staat gibt es nur ‚freie Leute‘‚ die zu Tausenderlei (z. B. zu Ehrerbietung, zu einem Glaubensbekenntnis u. dergl.) gezwungen werden. Was tut das aber?
Es zwingt sie ja nur der – Staat, das Gesetz, nicht irgend ein Mensch!“Das Recht als abstrakte Kategorie verkörpert für Stirner die Aufrechterhaltung einer Herrschaft über die Einzelnen; es ist das „begriffliche Prinzip, auf dem sowohl die Zusammenfassung der Einzelnen zur Gesellschaft, als auch ihre Unterwerfung unter die Gesellschaft beruht.
Ist demnach nicht der einzelne konkrete Mensch frei geworden, und der macht für Stirner bekanntlich den Menschen aus, so ist es doch der „Bürger, der citoyen der politische Mensch, der eben deshalb nicht der Mensch, sondern ein Exemplar der Bürgergattung, ein freier Bürger ist.“
Der citoyen als freier Bürger hat die politische Freiheit, innerhalb der Gesetze sein Handeln frei zu bestimmen, die indes mit seiner völligen Unfreiheit zusammenfällt, etwas Ungesetzliches zu tun. Als ein künstliches Produkt, eine geistige Konstruktion des politischen Liberalismus, ist diese Freiheit für Stirner nichts anderes als die der Polis und des Staats. Letztere sind frei, ihre Herrschaft der sachlichen Prinzipien zu entfalten, denn jeder citoyen ist an diese zwingend gebunden.
Bei der Verfolgung seiner Freiheit verhält sich der Staat nicht zimperlich: „Ist das Staatswohl Zweck, so ist der Krieg ein geheiligtes Mittel und heißt mit seinem heiligen Namen: ‚Hinrichtung‘ usw., der heilige Staat heiligt alles, was ihm frommt.“
Daß der Staat, der nach der Ideologie des politischen Liberalismus das allgemeine Interesse des Volkes repräsentieren soll, gleichwohl in Stirners Analyse ein Staat der Besitzenden ist, gründet sich insbesondere auf die Ordnung des Eigentums.
Wir sahen bei der Erörterung der Freiheit, daß sie den Bürgern vom Staat als ein Rechtstitel gewährt wird, um sie vor der Gewalt anderer Bürger zu schützen. Ebenso verhält es sich mit dem Eigentum: Die Besitzenden erhalten es als Lehen vom Staat überlassen. Verhalten sie sich loyal und rechtmäßig gegenüber dem Staat, so bleiben sie und ihr Eigentum unter dem Schutz des Staats und können unbehelligt die Arbeit der Nichtbesitzenden verwerten.
Beides (Freiheit und Eigentum) ist staatsvermittelt; mithin ist nicht die persönliche Freiheit und das persönliche Eigentum durch den politischen Liberalismus gewährleistet, sondern in beidem findet die Souveränität des Staates ihren Ausdruck. Der Staat stellt Bedingungen, um seine Herrschaft zu stabilisieren: „Der Staat bezahlt gut, damit seine ‚guten Bürger‘, die Besitzenden, ohne Gefahr schlecht bezahlen können; er sichert sich seine Diener, aus welchen er für die ‚guten Bürger‘ eine Schutzmacht, eine ‚Polizei‘ (zur Polizei gehören Soldaten, Beamten aller Art, z. B. die der Justiz, Erziehung usw., kurz die ganze ‚Staatsmaschine‘) bildet, durch gute Bezahlung, und die ‚guten Bürger‘ entrichten gern hohe Abgaben an ihn, um desto niedrigere ihren Arbeitern zu leisten.“
Ist ein einzuhaltendes Prinzip des politischen Liberalismus die Anerkennung der Nation und des Staats sowie ihrer Rechte, so ist ein anderes das des Besitzes und der Verwertung desselben durch die „guten Bürger“. Braucht auch keiner den anderen als Person, so doch als Inhaber und Besitzer, wobei die Arbeiter benachteiligt sind> „Ihr Prinzip, die Arbeit, ist nicht seinem Werte nach anerkannt: es wird ausgebeutet, eine Kriegsbeute der Besitzenden, der Feinde.“
Verdanken die Bürger ihren Status dem „Staatsschutz“, der „Gnade des Staats“, so beruht letzter seinerseits auf der „Sklaverei der Arbeit. Wird die Arbeit frei, so ist der Staat verloren.“ Die politische Gleichheit der Bürger als citoyen korrespondiert mit ihrer ökonomischen Ungleichheit, denn das Prinzip der Freiheit von persönlicher Herrschaft verbietet eine persönliche, nicht aber eine am sachlichen Prinzip ausgerichtete Einschränkung der Bürger im ökonomischen Bereich durch die „freie Konkurrenz“.
Betrachten wir nun, welche Bestimmungen und Forderungen sich aus dem Staatsbürgerstatus bezüglich des Einzelnen ergeben.
Das liberale Prinzip der Gleichheit aller vor dem Staat definiert den Wert des Einzelnen in Hinsicht seiner Stellung zum Staat – er ist ein Staatsbürger unter gleichen.
Dieser Status des Bürgers beinhaltet die Pflicht, sich gemäß den Prinzipien des Staates, insbesondere der gesetzlich geregelten, zu verhalten, überhaupt den Staat als Ausdruck der Herrschaft des Volkes anzuerkennen.
Da nach der Ideologie des politischen Liberalismus der Staat „eine Gemeinschaft von freien ungleichen Menschen … (ist, soll – Verf.) … jeder sich dem ‚Wohle des Ganzen‘ widmen, in den Staat aufgehen, den Staat zu seinem Zweck und Ideal machen.“
Der Staat als Verkörperung der Sache der Vernunft (die nichts als ein Gedanke ist, eine Idee) und Garant der menschlichen Gesellschaft, fordert vor allem von seinen Bürgern eine „gute Gesinnung“ und ein loyales Verhalten ihm gegenüber.
Die wahre Freiheit des Einzelnen besteht darin, dieser Idee entsprechend zu leben: „Der gehorsame Diener ist der freie Mensch! Welch eine Härte der Widersinnigkeit!
Dennoch ist dies der Sinn der Bourgeoisie, und ihr Dichter Goethe, wie ihr Philosoph Hegel haben die Abhängigkeit des Subjekts vom Objekte, den Gehorsam gegen die objektive Welt usw. zu verherrlichen gewußt. Wer nur der Sache dient, ‚sich ihr ganz hingibt‘, der hat die wahre Freiheit.“
Stirner, das wird hier deutlich, wendet sich primär gegen die spekulativ-universalistische Staatsauffassung Hegels‚ weil die Subjekte in dessen Philosophie nur als Teil der Gemeinschaften – Familie, bürgerliche Gesellschaft und Staat – zählen.
Das Verhältnis des Staats zum Individuum kennzeichnet Hegel wie folgt, „indem er (der Staat – Verf.) objektiver Geist ist, so hat das Individuum selbst nur Objektivität, Wahrheit und Sittlichkeit, als es ein Glied desselben ist. Die Vereinigung als solche (Herv. d. Verf.) ist selbst der wahrhafte Inhalt und Zweck, und die Bestimmung der Individuen ist ein allgemeines Leben zu führen; ihre weitere besondere Befriedigung, Thätigkeit, Weise des Verhaltens hat dies Substantielle (Herv. d. Verf.) und Allgemein gültige zu seinem Ausgangspunkte und Resultate.“Der Staat verkörpert in dieser Philosophie die höchste Einheit und behauptet gegenüber den einzelnen Individuen ein selbständiges und substantielles Dasein – er wird zum souveränen „Subjekt“.
Politische Freiheit drückt deswegen für Stirner nichts anderes aus, als die „Gebundenheit“ des Einzelnen an den Staatsgedanken und die Staatsgesetze und den Verlust seiner Souveränität. [Vgl. EE 116]
Der Befehl eines persönlichen Herrschers, erkennbar als ein Recht bzw. Unrecht, ist in der Vernunftherrschaft des politischen Liberalismus ersetzt durch den Gesetzesbefehl, der das Recht schlechthin zur Geltung bringt.
Ein von dem Vernunftgedanken der souveränen Nation hergeleitetes Recht ist absolut in dem Sinn, als es kein anderes Recht neben sich gelten läßt, vom Einzelnen nicht mehr als Vorrecht, sondern nur noch als Ganzes (als Rechtskonstruktion) abgelehnt werden kann. Die Negation des persönlichen Rechts ist Ausdruck der Negation der individuellen Existenz durch eine Vernunftherrschaft – eine Kernthese
Stirners, auf die wir noch zurückkommen werden. Rechte empfängt der Einzelne vom Staat – die „Gleichheit der politischen Rechte“ eines Jeden gegenüber dem Staat bedeutet soviel‚ „daß Jeder jedes Recht, welches der Staat zu vergeben hat, erwerben darf, wenn er nur die daran geknüpften Bedingungen erfüllt, Bedingungen, welche nur in der Natur des jedesmaligen Rechtes, nicht in einer Vorliebe für die Person (persona grata) gesucht werden solle“. [EE 112]
Es ist die Bestimmung des Bürgers, der Sache des Rechts gemäß die Macht des Staats zu erhalten und ihm folgsam zu sein, denn was er an Rechten (Besitz, Freiheit, Schutz) hat, was er als geschützter Bürger ist, das alles besteht nur von Staatswegen.

 

 

 

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