DER MENSCH IM MITTELPUNKT

DISSERTATION

 

 

 

 

 

 

 

§ 1

Nietzsches besonderes Interesse am Menschen ist zu allen Zeiten und in allen Werken unübersehbar. Der Mensch als Gattungs- wie als Einzelwesen steht bei ihm so häufig im Mittelpunkt, dass man sein Denken nicht nur, aber zu einem Großteil als eine Philosophie vom Menschen, gewissermaßen als eine philosophische Anthropologie verstehen kann.

 

Vielleicht ist die bevorzugte Behandlung dieses Themas letztlich einem ausgeprägten und stets wachsamen Selbstbewusstsein geschuldet, war Nietzsche doch vermutlich der Philosoph, der sich am gründlichsten mit seinem eigenen Menschsein auseinandergesetzt und mit einer bisweilen ans Grausame grenzenden Schonungslosigkeit allen Winkeln seiner Persönlichkeit, allen Motiven, Gewohnheiten, Sympathien und Abneigungen, allen Gefühlsregungen und Denkinhalten auf den Grund gegangen ist. Wie kaum ein anderer war er es gewohnt, sich zu hinterfragen, wovon man sich allein durch die Lektüre seiner Vorreden zu den Neuauflagen von 1886/87, seiner Briefe und auch seiner Nachlassnotizen mit ihren mitunter erschütternden

 

Selbstbekenntnissen und –analysen  überzeugen kann. Bereits als Jugendlicher begann er damit, sein bisheriges Leben aufzuzeichnen, wahrscheinlich weil er im Grunde schon damals das „Leben als Ertrag des Lebens“ ansah und davon überzeugt war, dass der Mensch letztlich nichts davontrage, „als seine eigene Biographie“ , dass bei der „Aufgabe, das Bild des Lebens zu malen“ immer nur „Bilder und Bildchen aus einem Leben“ herauskämen.

 

In den letzten Monaten vor dem geistigen Zusammenbruch erwägt er, seiner Autobiografie den Titel „Der Spiegel. Versuch einer Selbstabschätzung“ zu geben (XIII, 24[5]) und bringt damit jene permanente Selbstbespiegelung zum Ausdruck, die in einem nicht unerheblichen Ausmaß auch Eingang in seine veröffentlichten Werke gefunden hat, wie eine bekannte Stelle aus einer der Vorreden zeigt: „Meine Schriften reden nur von meinen Ueberwindungen: ‚ich’ bin darin, mit Allem, was mir feind war, ego ipsissimus, ja sogar, wenn ein stolzerer Ausdruck erlaubt wird, ego ipsissimum“

Aber natürlich darf man Nietzsches Werk deswegen keineswegs als fruchtlose Selbstumkreisung, als bloßen Erfahrungsbericht oder nur dürftig getarnte Lebensbeichte ohne Implikationen für das Leben, das Denken und das Selbstverständnis Anderer abtun.

 

Vielmehr beschäftigt sich Nietzsche auf so umfassende Weise – und nicht nur in dem Buch gleichen Titels – mit dem „Menschlichen, Allzumenschlichen“ und beleuchtet alle Facetten der Menschen, ihr Verhalten, ihr Gefühls- und Triebleben, ihre Wünsche, Freuden, Leiden und Nöte, ihre Grenzen und Möglichkeiten bis hin zum Übermenschlichen mit so unermüdlicher Hingabe, dass sich nach und nach ein faszinierendes und allgemeines Interesse beanspruchendes anthropologisches Konzept herausbildet. Dass Nietzsche dabei häufig das eigene Empfinden zum Ausgangspunkt nimmt und zunehmend, keineswegs jedoch erst in seiner späten Phase, das angeblich Überpersönliche seines eigenen Schicksals zu sehr in den Vordergrund stellt, seiner Biografie später eben nicht den Titel „Der Spiegel“ gibt, sondern sie mit dem geradezu anmaßenden „Ecce homo“ überschreibt – das vermag der Gründlichkeit und Relevanz seiner anthropologischen Analysen keinen Abbruch zu tun. Nicht selten wird der Leser durch Nietzsche zu einer neuen, tiefer gehenden Beschäftigung mit seinem eigenen Menschsein angeregt.

Alle Anthropologie lässt sich herunterbrechen auf eine die Philosophen seit jeher beschäftigende Problemstellung, nämlich: „Was ist der Mensch?“ Auch wenn Nietzsche sie niemals offen formuliert, bestimmt diese Frage nach dem Wesen des Menschen doch in vielfältiger Weise sein Denken und Schreiben, was angesichts seiner Geringschätzung für die traditionellen philosophischen Themen und seiner umfassenden Kritik an den überkommenen Konzepten zunächst verwundern mag.

Aber wäre es nicht absurd anzunehmen, Nietzsche habe die Frage nach der Essenz des Menschen ignorieren wollen, er, der die wesenhafte Erfüllung in einer wie ein Katechismus anmutenden Passage aus der „Fröhlichen Wissenschaft“ zu einer Gewissensfrage werden lässt? „Was sagt dein Gewissen? – ‚Du sollst der werden, der du bist’“ heißt es dort und diese Aufgabenstellung entbehrte jedes Sinngehalts, wenn nicht auch Nietzsche von einem Wesenskern des Menschen ausginge, oder zumindest von einer Struktur, die den durch sie Konstituierten in gewisser Weise zugänglich ist. Dieser Struktur des Menschlichen gilt Nietzsches Augenmerk.

 

 

 

 

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