DIE ENTSTEHUNG DER GEWALT DES „FREIEN GEISTES“

STIRNERIANA

 

 

 

 

 

 

 

 

Stirner betrachtet die Geschichte, einerseits um die Mächte zu bestimmen, die sich des Einzelnen bemächtigt haben, „welche Umwandlungen seine Ansichten, welche Erschütterungen seine Prinzipien erführen“; andererseits, um analog zu der Entwicklung des einzelnen Menschenlebens eine Tendenz oder Notwendigkeit auszumachen, die „in einem fortgesetzten sich freimachen von Mächten (besteht – GB), die den Einzelnen beherrschen.“

Zu Stirners Geschichtsdarstellung ist zu bemerken, daß sie nicht als eine geschichtstreue Darstellung anzusehen ist, sondern ihm zur Verdeutlichung von „begriffliche(n) Unterscheidungen“ dient.

Die Alten (Antike) lebten nach Stirner in dem Gefühl, „daß die Welt und weltliche

Verhältnisse (z. B. die natürlichen Blutsbande) das Wahre seien, vor dem ihr ohnmächtiges Ich sich beugen müsse.“  Ihnen galt das „Natürliche“, „die irdischen Dinge und Verhältnisse“als die gegebene Wahrheit, allerdings als eine, „hinter deren Unwahrheit sie zu kommen suchten, und endlich wirklich kamen.“

Aus diesem Bestreben heraus, der Knechtung durch das Bestehende zu entgehen, entwickelte sich der ursprüngliche Egoismus der Sophisten, die den Verstand, den Geist als Mittel erkannten, sich in den Mittelpunkt der Welt zu stellen, „sich zu fühlen.“

Dieser Periode der Geistesbefreiung folgte die der „Herzensreinheit“ ‚ d. h. die Begehrlichkeit und Triebhaftigkeit der Gefühle wurde dem Prinzip des Guten unterworfen, der ethischen Herzensbildung. Mit diesem Prozeß einhergehend wurde der ursprüngliche, sinnliche Bezug der Menschen zur Welt zwecks wahren Lebensgenusses zurückgedrängt zugunsten einer sich beziehungs- und weltlos wissenden reinen geistigen Haltung.

„Solange der Mensch in das Weltgetriebe verwickelt und durch Beziehungen zur Welt befangen ist – und er ist es bis ans Ende des Altertums, weil sein Herz immer noch um die Unabhängigkeit von Weltlichem zu ringen hat – solange ist er noch nicht Geist; denn der Geist ist körperlos und hat keine Beziehung zur Welt und Körperlichkeit: für ihn existiert nicht die Welt, nicht natürliche Bande, sondern nur Geistiges und geistige Bande.“

Stirner betrachtet den Verlauf der Entwicklung der Alten als eine zunehmende Abstraktion des Denkens von der konkreten, sinnlichen Wirklichkeit des Einzelnen und seiner materiellen Bedingtheit; am Ende versteht der Mensch sich nurmehr als Geist, wie es Cartesius ausdrückte: „Ich denke, das heißt: – Ich bin.“

Damit beginnt für Stirner die Zeit der Neuen (Christliches Zeitalter), die den „freie(n) Geist“ hervorbringt, zunächst als Gott, den Weltüberwinder, schließlich bis hin zu dem von allen Glaubenssätzen befreiten Geist des Humanismus in Stirners Gegenwart.

Kennzeichnend für den „freien Geist“, der sich von der Welt entfernt und gleichwohl immer wieder auf sie stößt, ist die Sehnsucht, „die Welt zu vergeistigen.“Es gehört zu seiner Bestimmung, sich selbst eine „geistige Welt“ zu schaffen.

„Der Geist ist freier Geist, d. h. wirklich Geist erst in einer ihm eigenen Welt; in‚dieser‘, der irdischen, ist er ein Fremdling.“

Im Christentum findet das Bestreben, völlig im Geist aufzugehen, seinen Ausdruck in der göttlichen Gestalt als einem jenseitigen Wesen, das den Glauben der Menschen an die Unsterblichkeit des Geistes symbolisiert.

Feuerbach, der darin eine Projektion des Wesens der Menschen auf Gott erkennt, stellte sich gegen diese Projektion: „Der notwendige Wendepunkt der Geschichte ist daher dieses offene Bekenntnis und Eingeständnis, daß das Bewußtsein Gottes nichts andres ist als das Bewußtsein der Gattung, daß der Mensch sich nur über die Schranken seiner Individualität erheben kann und soll, aber nicht über die Gesetze, die positiven Wesensbestimmungen seiner Gattung“.

Für Stirner bedeutet auch dies nur eine erneute Manifestation des freien Geistes:

„Das höchste Wesen ist allerdings das Wesen des Menschen, aber eben weil es sein Wesen und nicht er selbst ist, so bleibt es sich ganz gleich, ob Wir es außer ihm sehen und als ‚Gott‘ anschauen, oder in ihm finden und ‚Wesen der Menschen‘ oder ‚der Mensch‘ nennen. Ich bin weder Gott, noch der Mensch, weder das höchste Wesen, noch Mein Wesen, und darum ist’s in der Hauptsache einerlei, ob Ich das Wesen in Mir oder außer Mir denke.“

Beide, Gott und Mensch als abstrakte Begriffe, betrachtet Stirner als Geschöpfe des freien Geistes, Ideen oder theoretische Konstrukte, die die Ganzheit und Einheit der individuellen Existenz negieren. Auch Feuerbachs Wesensbestimmung des Menschen, und dagegen wendet sich Stirner vor allem, erwächst „aus der Differenz zur einzelmenschlichen Existenz, denn das Wesen des Menschen liegt gerade in seinem überindividuellen Sein als Gattung, d. h. aber, daß das menschliche Wesen ein normativer Begriff, ein Ideal ist, wodurch für Stirner nur wieder das religiöse Verhältnis rekonstruiert wird.

Feuerbach hat mit seinem Prinzip der Sittlichkeit lediglich einen „Herrenwechsel“ vollzogen, indem er an die Stelle des christlichen Glaubens das Prinzip der sittlichen

Liebe, eine neue „Religion“ wider die individuelle Existenz setzt.

Trifft das Verdikt Feuerbachs über die religiöse Liebe, so Stirners rhetorische Fragestellung, daß sie den Menschen nur um Gotteswillen liebe, nicht gleichfalls auf die sittliche Liebe zu? „Liebt sie den Menschen, diesen Menschen um dieses Menschen willen, oder um der Sittlichkeit willen, um des Menschenwillen, also – den homo homini Deus – um Gottes willen?“

Für beide Geschöpfe des freien Geistes, die an dieser Stelle nur exemplarisch für alle anderen genannt sind, gilt, daß sie insofern theologisches Denken darstellen, als sie die Priorität des Geistes und eine wesensmäßige Bestimmung der menschlichen Existenz behaupten und anerkennen, zum Heiligen erheben.

Was aber aus der jeweiligen Bestimmung herausfällt, nicht nur im Geist aufgeht, hat dagegen zurückzutreten.

Theologisches Denken bringt einen Zwiespalt hervor, „in welchem Ich und der Geist liegen, nur weil Ich und Geist nicht Namen für ein und dasselbe, sondern verschiedene Namen für völlig Verschiedenes sind, nur weil Ich nicht Geist und Geist nicht Ich ist …“.

Der Einzelne nun verhält sich als theologisch Denkender selbst heilig, wird zum Heiligen, dem nichts über sein höchstes Wesen und seinem Glauben daran geht.

Um die Aufhebung dieses Zwiespalts geht es Stirner; mit der Kritik Feuerbachs kritisiert er nicht nur einen noch idealistischen Junghegelianer‚ sondern gleichzeitig eine dahinterstehende liberale Staatsauffassung: „Feuerbachs Kult des Menschen ist für Stirner identisch mit der nach dem bürgerlichen und kommunistischen Liberalismus dritten Form des Liberalismus, dem Kult des Menschen im ‚humanen Liberalismus‘ (…).“

 

Neben den bereits erwähnten Geistesrichtungen, dem Christentum und dem Humanismus Feuerbachs, haben es nach Stirners Analyse noch zahllose Ideen zu breiter Anerkennung und Herrschaft über den Menschen gebracht und üben seither Gewalt über ihn aus. Hierher gehören für ihn die philosophischen Systeme der bisherigen Philosophie, insbesondere Hegels und der Junghegelianer, wie auch die gesellschaftsund staatspolitischen Systeme des Liberalismus bis hin zum Kommunismus, die er gesondert im Kapitel über die Freien behandelt, da sie seiner Gegenwart angehören und in ihr Bedeutung erlangen.

Ich will mich im Folgenden auf die Gewaltausübung durch den politischen, sozialen. und humanen Liberalismus beschränken, einerseits, da mir eine Auswahl im Interesse des Umfangs meiner Arbeit geboten erscheint, ohne daß damit bei dieser Vorgehensweise eine inhaltliche Verkürzung des Stirnerschen Gewaltverständnisses verbunden ist, andererseits weil gerade an dem vermeintlichen Gegensatz von Liberalismus und Kommunismus, der das Denken und Handeln vieler Zeitgenossen auch in der Gegenwart in seinen Bann schlägt, die spezifische Radikalität der Stirnerschen Philosophie leicht erkennbar wird, die hier einen gänzlich anderen und neuen Akzentm setzt.

 

 

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