GEFÄHRDUNGEN DES SELBST UND SELBSTFLUCHTEN

DISSERTATION

 

 

 

 

 

 

 

Dass Identitätsfindung nicht immer und vor allem nicht für jeden einfach und möglich sein wird, ist Nietzsche allerdings seit jeher bewusst. Zur Selbstbesinnung bedarf es einer Muße, die seltener Luxus geworden ist, die aber als unabdingbar für das Nachdenken erscheint – auch für das Nachdenken über sich selbst.

Zeitliche Ungebundenheit, Selbstwert und Freiheit gehen bei Nietzsche oft Hand in Hand: „Alle Menschen zerfallen, wie zu allen Zeiten so auch jetzt noch, in Sclaven und Freie; denn wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sclave, er sei übrigens wer er wolle: Staatsmann, Kaufmann, Beamter, Gelehrter“. Daher heißt es auch in einer Notiz von 1881: „Sklaven-Arbeit! Freien- Arbeit! Erstere Arbeit ist alle Arbeit, die nicht um unserer selber willen gethan wird und die keine Befriedigung in sich hat“; Hervorhebung H. O.).

Bedroht wird die Persönlichkeit eines Menschen vor allem durch die modernen, zur Eile und Zeitersparnis anhaltenden „Bedingungen unserer gesellschaftlichen Ordnung und Thätigkeit“, denn sie führen zu einer neuen Form der Sklaverei, zu einem Menschen, der „nicht über sich selber verfügen kann und dem die Musse fehlt“. Noch in der „Götzen-Dämmerung“ definiert Nietzsche persönliche Stärke über die Fähigkeit und Möglichkeit zum Müßiggang.

 

Naturgemäß ist daher die Arbeit, im Sinne von „Beruf“ und „Broterwerb“, ein gefährlicher Feind der Selbstfindung, wie Nietzsche bereits 1875 notiert: „In den sogenannten ‚Lebensberufen’, welche jedermann wählen soll, liegt eine rührende Bescheidenheit der Menschen: sie sagen damit, wir sind berufen unseresgleichen zu nützen und zu dienen, und der Nachbar ebenfalls und dessen Nachbar auch; und so dient jeder dem andern, keiner hat seinen Beruf, seiner selbst wegen da zu sein, sondern immer wieder anderer wegen; so haben wir eine Schildkröte, die auf einer anderen ruht und diese wieder auf einer und so fort“ .

Noch viel schärfer klingen seine Worte später in der „Morgenröthe“: Wer die Arbeit verherrliche, den treibe die „Furcht vor allem Individuellen“, denn die beim Arbeiten verbrauchte Kraft und Zeit könne nicht mehr auf die Beschäftigung mit sich selbst verwendet  werden. Als weitere Gefahr für die Selbstdetermination nennt Nietzsche den„Besitz“, der nur „bis zu einem gewissen Grade“ frei (und daher zum Müßiggang fähig! vgl. mache und darüber hinaus zum „Herrn“ und eigentlichen Besitzer des Menschen werden könne.

 

Wenn Nietzsche sich über alle diese Bedrohungen des Eigenen im Klaren ist und zur Vorsicht rät, wie sehr muss er dann jene verdammen, die die Gefahren bewusst aufsuchen, um vor sich selbst und der Frage nach ihrem Wesen zu fliehen, verunmöglichen sie doch dadurch jedes Selbsterkennen und bezeugen ihre mangelnde Selbstachtung. So schreibt er bereits in der dritten „Unzeitgemäßen“ voller Bedauern:

 

„Wir wissen es Alle in einzelnen Augenblicken, wie die weitläufigsten Anstalten unseres Lebens nur gemacht werden, um vor unserer eigentlichen Aufgabe zu fliehen, wie wir gerne irgendwo unser Haupt verstecken möchten, als ob uns dort unser hundertäugiges Gewissen nicht erhaschen könnte, wie wir unser Herz an den Staat, den Geldgewinn, die Geselligkeit oder die Wissenschaft hastig wegschenken, bloss um es nicht mehr zu besitzen, wie wir selbst der schweren

Tagesarbeit hitziger und besinnungsloser fröhnen, als nöthig wäre um zu leben: weil es uns nöthiger scheint, nicht zur Besinnung zu kommen. Allgemein ist die Hast, weil jeder auf der Flucht vor sich selbst ist […].“

 

 Auch in der „Morgenröthe“ vermutet Nietzsche, dass es die „Thaten“ sind, die am moisten „uns von uns abziehen“ und dass „vielleicht doch der Thatendrang im Grunde Selbstflucht“ ist. Eben diesen Zusammenhang spricht später Zarathustra in einer seiner Reden an: „Ihr Alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, – ihr ertragt euch schlecht, euer Fleiss ist Flucht und Wille, sich selber zu vergessen“.

Überhastete, unaufhörliche Aktivität jeder Art erscheint somit am besten geeignet, um der Konfrontation mit sich aus dem Weg zu gehen.

Darüber hinaus schreibt Nietzsche aber auch der Kunst eine Ablenkungsfunktion zu, genauer gesagt einer bestimmten Art von Kunst, die sich mehr konsumieren als ernsthaft studieren lässt und die er seit jeher als eine seichte Kunst der „Zerstreuungs- und Unterhaltungsobjecte“ ablehnt, ebenso wie die daran geknüpfte Haltung des modernen Kunstkonsumenten. Dieser erwartet von dem Werk, sei es Musik oder ein Theaterstück oder etwas anderes, nicht (Selbst)Besinnung, sondern ganz im Gegenteil Zerstreuung und Betäubung bis hin zur Berauschung. Er will also, wie es schon

in „Wagner in Bayreuth“ heißt, „lieber gejagt, verwundet und zerrissen werden, als mit sich selber in der Stille beisammenwohnen zu müssen. Mit sich selber! – dieser Gedanke schüttelt die modernen Seelen, das ist ihre Angst und Gespensterfurcht“. Nietzsche kritisiert an seinen Zeitgenossen, sie seien bei jedem „Seelen-Elend“ daran „gewohnt, in diesem Fall nach Mitteln der Berauschung zu greifen: zum Beispiel nach der Kunst, – zu ihrem und der Kunst Unheil!, und diese Kritik steht noch hinter Zarathustras Geringschätzung für den „Markt“, wo das „Volk“ den „Lärm der grossen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen“ bejubelt, weil es „Sinne“ allein „für alle Aufführer und Schauspieler grosser Sachen“ hat .

Besonders interessant ist auch, dass Nietzsche seine zu allen Zeiten unübersehbare Abscheu vor der christlichen Mitleids- und Barmherzigkeitsethik mit der Thematik der Selbstflucht verbindet. Er sieht in der Ausrichtung auf die Nöte Anderer einen verkappten Versuch, den Herausforderungen an das eigene Selbst zu entgehen. Das Mitleid dient als Ausrede und Begründung dafür, warum es unmöglich ist, „auf seinem Wege zu bleiben! Fortwährend ruft uns irgend ein Geschrei seitwärts; unser Auge sieht da selten Etwas, wobei es nicht nothing wird, augenblicklich unsre eigne Sache zu lassen und zuzuspringen. Ich weiss es: es giebt hundert anständige und rühmliche Arten, um mich von meinem Wege zu verlieren, und wahrlich höchst ‚moralische’ Arten!“.

Und er wird noch deutlicher: „Ja, es giebt eine heimliche Verführung sogar in alle diesem Mitleid-Erweckenden und Hülfe- Rufenden: eben unser ‚eigener Weg’ ist eine zu harte und anspruchsvolle Sache und zu ferne von der Liebe und Dankbarkeit der Anderen, – wir entlaufen ihm gar nicht ungerne, ihm und unserm eigensten Gewissen, und flüchten uns unter das Gewissen der Anderen und hinein in den lieblichen Tempel der ‚Religion des Mitleidens’“ (ebd.).

Diesen Ansatz von Mitleidskritik stellt auch Zarathustra in den Mittelpunkt, wenn er die „Nächstenliebe“ seiner Zuhörer als „eure schlechte Liebe zu euch selber“ entlarvt: „Ihr flüchtet zum Nächsten vor euch selber und möchtet euch daraus eine Tugend machen: aber ich durchschaue euer ‚Selbstloses’“ , nämlich: „Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug: nun wollt ihr den Nächsten zur Liebe verführen und euch mit seinem Irrthum vergolden“ (ebd.). Niemals verzeiht Nietzsche es den „Predigern“ des Mitleids, dass man durch alle ihre Reden hindurch „einen heiseren, stöhnenden, ächten Laut von Selbst-Verachtung hören“ kann.

Des Weiteren spielt Nietzsches Hochachtung vor Selbstdetermination, individueller Autarkie und starkem Selbstempfinden bei einigen weiteren Thematiken, die er zeitlebens immer wieder aufgreift und zu denen er wiederholt Stellung bezieht, eine wesentliche Rolle, so bei seiner Bewertung des neuzeitlichen Bildungswesens, bei seiner Interpretation der menschlichen Eitelkeit und auch bei einigen Ansätzen seiner Moralkritik, die im Ganzen einen so wesentlichen Bestandteil seiner Philosophie ausmacht.

 

 

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