GEWALT ALS SELBSTSETZUNG DES EINZIGEN II

STIRNERIANA

Der Eigner drückt dieses selbstgestaltende Moment innerhalb der Beziehungen des Einzigen aus.
In der Gegenüberstellung zum absoluten Ich Fichtes hebt Stirner diesen zersetzenden und auflösenden Charakter seines vergänglichen Ichs hervor.

„Allein nicht das Ich ist Alles, sondern das Ich zerstört Alles, und nur das sich selbst auflösende Ich, das nie seiende Ich, das – endliche Ich ist wirklich Ich.“ Die Macht der Selbstsetzung des Einzigen muß sich fließend reaktualisieren, denn „meine eigenen Geschöpfe sind nach dem Schöpfungsakte Mir bereits entfremdet.“

Entfremdung bzw. Gewaltlosigkeit ist dann gegeben, wenn der fließende, situationistisch zu fassende Auflösungsprozeß des Einzigen erstarrten Lebensformen weicht: „Wäre Ich nicht an meinen gestrigen Willen heute und ferner gebunden? (Bei der Annahme, daß alle Einzelnen eines Volkes zu einem Zeitpunkt einen gleichen Willen gehabt hätten, also ein vollkommener Gesamtwille vorhanden wäre – Verf.) Mein Wille in diesem Falle wäre erstarrt. Die leidige Stabilität! Mein Geschöpf, nämlich ein bestimmter Willensausdruck, wäre mein Gebieter geworden, Ich aber in meinem Willen, Ich, der Schöpfer, wäre in meinem Flusse und meiner Auflösung gehemmt. … Weil Ich gestern ein Wollender war, bin Ich heute ein Willenloser, gestern freiwillig, heute unfreiwillig.“ [EE 215]
Somit ist letztlich für Stirner Vergegenständlichung oder Entäußerung schon im Keim identisch mit Entfremdung. Darin ist die existenzielle Problematik des Lebensprozesses, also aller Tätigkeiten des Einzelnen, bei Stirner zu sehen. Kast nennt dieses die „kritisch-krisische Grundbefindlichkeit“des Eigners:

„er weiß, daß er der Schöpfer seiner Kriterien ist und daß er sein eigenes Kriterium ist. Der Eigner weiß auch, daß er sich selbst setzt und aufhebt; dadurch setzt er sich in eine ständige Krise und erfährt sich als ‚krisisch‘.“

Die Bewegung der permanenten Identitätsbildung geht dort verloren, wo der Einzelne seine eigenen Entscheidungen nicht permanent aktualisiert und weicht einer starren, leblosen Identität, die das eigene Selbst einbindet.
Es ist bereits dann ein Zustand der Entfremdung gegeben, sobald eine Tätigkeit des Einzelnen (oder dessen Produkt) sich seiner (Verfügungs-)Gewalt entzieht, d. h. die Schöpfung den Schöpfer selbst fesselt.
Genau hier erkennt Stirner den Ursprung von Entfremdung und fremder bzw. verewigter Gewalt, wenn der Schöpfer sich an sein Geschöpf und damit die Möglichkeit des Sich-Selbst-Setzens verliert.

Umgekehrt ist es gerade der Auflösungscharakter des Einzigen, der es ihm gestattet, Fremdbestimmungen, ja überhaupt jegliche Art von Bestimmungen aufzulösen. So sieht Stirner z. B. die konsequente Auflösung eines Gedankens nicht in seiner Ersetzung durch einen anderen Gedanken, wie es die bisherige Kritik getan habe, sondern in der Gedankenlosigkeit des Einzigen.

„So will er (der von der Kritik Besessene – d. Verf.) durch das Denken die Gedanken auflösen, Ich aber sage, nur die Gedankenlosigkeit rettet Mich wirklich vor den Gedanken. Nicht das Denken, sondern meine Gedankenlosigkeit oder Ich, der Undenkbare, Unbegreifliche befreie mich aus der Besessenheit. Ein Ruck tut Mir die Dienste des sorglichsten Denkens, ein Recken der Glieder schüttelt die Qual der Gedanken ab, ein Aufspringen schleudert den Alp der religiösen Welt von der Brust, ein aufjauchzendes Juchhe wirft jahrelange Lasten ab.“

Man muß Stirner wohl so verstehen, daß eben das Ich sein Verhältnis zum Denken, aus sich heraus bestimmt. Erst in seiner Gedankenlosigkeit vermag das Ich seinen Selbstsetzungswillen zu realisieren und zu entscheiden, ob es denken will oder nicht.
Nur so verstanden komme die Auflösung dem Einzigen zu Gute, worauf es Stirner zentral ankommt, denn ansonsten „gehörte sie nur in die Reihe der unzähligen Auflösungen, welche zu Gunsten Anderer, z. B. eben des Menschen, Gottes, des Staates, der reinen Moral usw. alte Wahrheiten für Unwahrheiten erklärten und lang genährte Voraussetzungen abschafften.“
Den Auflösungsgedanken hat Stirner offensichtlich von der freien Kritik Bauers übernommen. „Nehmen wir daher die Weisung der Kritik (gemeint ist die kritische Kritik Bauers – d. Verf.) an, keinen Teil unseres Eigentums stabil werden zu lassen, und Uns nur wohl zu fühlen im – Auflösen.“
Allerdings wendet er die Methode konsequent vom Standpunkt des Einzigen aus an: Bauer reduziert alles auf den Standpunkt des Menschen und hält daher ein gedankliches Kriterium aufrecht; Stirner hingegen reduziert alle Bestimmungen auf den Einzigen als wirkliche Existenz, stellt somit seine „eigene Kritik“ gegen die „freie Kritik“ Bauers.
Der Auflösungsprozeß betont bei Stirner die Verschiedenheit der Einzigen, die sich gleichen in der Denkfähigkeit wie auch hinsichtlich anderer Bedürfnisse; aber die Einzigen haben ein einziges Verhältnis zu ihren Bedürfnissen, insofern sie, wie Bärsch es allgemein für die Menschen feststellt, „deren Befriedigung in verschiedenem Maße suchen.“
Auf diese Art der Gewaltausübung durch Auflösung und den damit zusammenhängenden Eigentumsbegriff Stirners komme ich im nächsten Abschnitt zurück.

Wir haben gesehen, daß der Einzige qua seiner Schöpferkraft sich zu setzen und aufzulösen vermag, denn vor jeder dieser Aktivitäten steht ein Wollen (Selbstgestaltungswille); erst dadurch hat der Einzige die Möglichkeit „Herr seiner Gedanken, seiner Gefühle, seines Willens“ [EE 102] zu sein, in dem Sinne, daß er selbst bestimmt und entscheidet, ob er sich situativ als Denkender, Fühlender oder Wollender setzt.

„Nicht im Sinne der Welterschaffung, sondern in diesem Sinne der Selbstzucht ist es zu verstehen, wenn Stirner den Einzigen den Schöpfer seiner selbst, Schöpfer und Geschöpf in einem, nennt.“

Hier stellen sich nun zwei weitere Probleme. Zum Einen ist zu fragen, ob Stirner mit der Möglichkeit der Selbstsetzung und Auflösung nicht selbst an den Einzigen eine Forderung und damit eine Bestimmung richtet. Andererseits verweist die Verwendung der Begriffe Schöpfer und Wille auf eine qualitative Bestimmung von dem Einzigen innewohnenden Wesenskräften durch Stirner.
Stirner behauptet von seinem Ich, daß dessen Möglichkeiten identisch seien mit seiner wirklichen Schöpferkraft.

„Man kann nichts, was man nicht tut, wie man nichts tut, was man nicht kann.“

Er wendet sich damit gegen einen Möglichkeitsbegriff, der eine gedankliche Unterscheidung zwischen Realität und Potentialität, und damit ein Entwicklungsziel des Einzelnen, konstruiert. Einer notwendig zu erstrebenden Vollkommenheit setzt er die reale Bewegung und Tätigkeit des Ichs in der Gegenwart entgegen.

„Ich Meinesteils gehe von einer Voraussetzung aus, indem Ich Mich voraussetze; aber meine Voraussetzung ringt nicht nach ihrer Vollendung, wie der ‚nach seiner Vollendung ringende Mensch‘, sondern dient Mir nur dazu, sie zu genießen und zu verzehren. Ich zehre gerade an meiner Voraussetzung allein und bin nur, indem Ich sie verzehre. Darum aber ist jene Voraussetzung gar keine; denn da Ich der Einzige bin, so weiß Ich nichts von der Zweiheit eines voraussetzenden und vorausgesetzten Ich’s (eines ‚unvollkommenen‘ und ‚vollkommenen‘ Ich’s oder Menschen, sondern, daß Ich Mich verzehre, heißt nur, daß Ich bin.“

Stirner negiert mit diesen Ausführungen die Möglichkeit einer gedachten Potentialität des Menschen, wodurch sich für ihn auch die Erkenntnisproblematik ganz anders stellt. Das freie Denken hat im Gedanken seinen Gegenstand; dagegen geht für Stirner Erkenntnis immer nur vom konkreten Menschen aus und hat ihren Gegenstand in dem von der Natur begründeten Leben.
Das Verhältnis des Einzelnen zum Leben besteht für Stirner nunmehr nicht darin, das wahre, vom Gedanken erzeugte Leben zu leben, sondern „das Leben zu nutzen, d. h. zu genießen. Wie aber nutzt man das Leben? Man nutzt das Leben und mithin sich, den Lebendigen, indem man es und sich verzehrt. Lebensgenuß ist Verbrauch des Lebens.“

Nach Kast macht Stirner mit diesen Worten deutlich, „daß der einzelne lebt, um zu leben, um sich zu leben und nicht irgendwelchen imperativischen Qualitäten, die seinen Bedürfnissen widersprechen. Mit den Begriffen ‚Genuß‘ und ‚Nutzen‘ opponiert Stirner gegen Fremdbestimmungen, die zum Verzicht auffordern, die Opfer wollen im Namen hypostasierter Allgemeinbegriffe, die individuellen Genuß und Nutzen einem übergeordneten spekulativem Nutzen unterordnen; einer Teleologie, einem jenseitigen Leben, der Menschheit dem Fortschritt, der Zukunft usw.“
An die Stelle idealistischer Erkenntnis des Wesens des Menschen setzt Stirner die „Erschließung des besonderen, einzelmenschlichen Seins.“
Demnach verweist auch Stirners Verständnis von Möglichkeit nicht auf einen Inhalt des Denkens, sondern auf die gegebene, aktuelle Wirklichkeit des Einzelnen, der überhaupt erst durch seine Einzigkeit Existenz erlangt.Ist der Einzelne sich dieser Wirklichkeit bewußt, lebt er nach seinen spontanen Interessen und Wünschen, dann ist er bei sich, d. h. Eigner seiner selbst, und vereinheitlicht seine Potentialität mit seiner Realität.
Die Potentialität des Einzelnen ist seine Lebens-Kraft: „Es gebraucht … wirklich Jeder seine Kraft, ohne dies erst für seinen Beruf anzusehen: es gebraucht Jeder in jedem Augenblicke so viel Kraft als er besitzt.“
Nutzt er sie für sich, dann ist er Eigner seiner selbst und sagt von sich: „Bin ich aber der Mensch und habe Ich ihn, den die religiöse Menschheit als fernes Ziel bezeichnete, wirklich, in Mir gefunden, so ist auch alles ‚wahrhaft Menschliche‘ mein eigen.“
Stirners Verständnis von Möglichkeit verweist also nicht auf einen Inhalt des Denkens, sondern auf die Eigenschaft des Lebens, irgend etwas leisten zu können. Stirner erkannt nur die Wirklichkeit des Augenblicks, das unmittelbar gelebte Leben als wahrhaft existent an, und insofern stellt der Einzige immanent betrachtet kein Ziel sondern einen Ausgangspunkt dar, der sich im unmittelbaren Ausleben verbraucht.

„Die Auflösung ist keine ‚Bestimmung‘, weil sie Gegenwart ist.“ Kast bemerkt dazu: „Die gelebte jeweilige Unmittelbarkeit ist die Verwirklichung des einzelnen“.

Von daher wird nochmals der oben angeführte dynamische Charakter als Existenzbedingung des Einzigen unterstrichen, der sich in seinen Tätigkeiten ausdrückt. Die jedem Einzelnen innewohnenden Kräfte äußern sich in seinem Lebensprozeß und bewirken so eine unstetige Bewegung von Zerfall und Aufbau. Im Zuge dieses Lebensprozesses stößt sich der Einzige an seinen selbsterzeugten Grenzen, die er wiederum vernichtet und so gleichsam seine Identität wiederherstellt, was eben gerade sein Erleben ausmacht.

 

 

 

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