GEWALTAUSÜBUNG UND VERKEHR DES EINZIGEN

STIRNERIANA

Wir sahen im ersten Kapitel, daß jede Gesellschaft für Stirner zuerst einmal ein Gewaltverhältnis darstellt, in der der einzelne Mensch unterdrückt wird. Deswegen wendet sich Stirner gegen diese Form der Gemeinschaft.

Andererseits lebt aber auch der Einzelne nicht für sich alleine, sondern er braucht die Beziehung zu anderen Menschen. Diese Beziehungen nennt Stirner nunmehr Verkehr oder Verein anstatt Gesellschaft. Zwischen ihnen soll ein grundsätzlicher Unterschied bestehen: „Die Auflösung der Gesellschaft aber ist der Verkehr oder Verein. Allerdings entsteht auch durch Verein eine Gesellschaft, aber nur wie durch einen Gedanken eine fixe Idee entsteht, dadurch nämlich, daß aus dem Gedanken die Energie des Gedankens, das Denken selbst, die rastlose Zurücknahme aller sich verfestigenden Gedanken, verschwindet. Hat sich ein Verein zur Gesellschaft kristallisiert, so hat er aufgehört, eine Vereinigung zu sein; den Vereinigung ist ein unaufhörliches Sichvereinigen; er ist zu einem Vereinigtsein geworden, zum Stillstand gekommen, zur Fixheit ausgeartet, er ist tot als Verein, ist der Leichnam des Vereins oder der Vereinigung, d. h. er ist – Gesellschaft, Gemeinschaft.“ [EE 342]

Damit ist die Gesellschaft als ein Zustand, eine erstarrte Abhängigkeitsbeziehung beschrieben, weil in ihr fixe, allgemeingültige Normen den Einzelnen verpflichten und seine Selbstbestimmung unterbinden. [Vgl. EE 245] Letztere soll nun gerade im Verein jederzeit wahrnehmbar sein: Hier ergibt sich der soziale Zusammenhang gemäß der freien Entscheidung der Einzelnen, d. h. er besteht nur, insofern Gegenseitigkeit (der Interessen) zweier oder mehrerer Einzelner besteht.

„Verkehr ist Gegenseitigkeit, ist die Handlung, das commercium der Einzelnen“.

 Erstes Kriterium der Unterscheidung zwischen Verein und Gesellschaft ist demnach sein „Gestaltungsgrund“.99 Ist die Gesellschaft der „Natur-Zustand“ [EE 342] des Menschen (z. B. Mutter-Kind-Beziehung), so begründet die freie Entscheidung zur Übereinkunft den Verein.

„Den Verein hält weder ein natürliches noch ein geistiges Band zusammen, und er ist kein natürlicher, kein geistiger Bund. Nicht Ein Blut, nicht Ein Glaube (d. h. Geist) bringt ihn zu Stande. In einem natürlichen Bunde, – wie einer Familie, einem Stamme, einer Nation, ja der Menschheit – haben die Einzelnen nur den Wert von Exemplaren derselben Art oder Gattung; in einem geistigen Bunde – wie einer Gemeinde, einer Kirche – bedeutet der Einzelne nur ein Glied desselbigen Geistes; was Du in beiden Fällen als Einziger bist, das muß – unterdrückt werden. Als Einzigen kannst Du Dich bloß im Vereine behaupten, weil der Verein nicht Dich besitzt, sondern Du ihn besitzest oder Dir zu Nutze machst.“

Stirners Verkehrsformen negieren demnach jede überindividuelle Zweckhaftigkeit von Beziehungen; jede Gemeinschaft oder Beziehung ist für die Einzelnen hier nur ein Mittel, ihre Einzigkeit oder Eigenheit zu erhalten oder zu steigern. Es ist dies die konsequente Fortführung des eignerschaftlichen Verhältnisses zur Welt, insofern jeder Einzelne aus sich heraus Bindungen eingehen kann, die er allerdings auch jederzeit wieder gemäß seiner Spontaneität aufzulösen vermag, was ja geradem  die Bedingung seines Eigner-Daseins ausmacht.

In der Gesellschaft ist jeder nur ein Werkzeug [EE 246], ein Teil der Gesellschaft, d. h. ihm wird ein Wert durch seine „Verbundenheit“ mit anderen zu teil und nicht durch seine „Ausschließlichkeit“ [EE 270]. Das heißt nun aber nicht, daß etwa der Verein die Ausschließlichkeit garantieren solle, sondern jeder Einzelne vermag dies nur selbst zu leisten, indem er alles zu seinem Eigentum macht; „was kümmert Mich sein (des anderen Einzelnen – d. Verf.) Recht und sein Anspruch? Hat er sein Recht nur von dem Menschen und hat er’s nicht von Mir, so hat er für Mich kein Recht. Sein Leben z. B. gilt Mir nur, was Mir’s wert ist. Ich respektiere weder sein sogenanntes Eigentumsrecht oder sein Recht auf dingliche Güter, noch auch sein Recht auf das ‚Heiligtum seines Innern‘, oder sein Recht darauf, daß die geistigen Güter und Göttlichkeiten, seine Götter, ungekränkt bleiben. Seine Güter, die sinnlichen wie die geistigen, sind mein, und Ich schalte damit als Eigentümer nach dem Maße meiner – Gewalt.“

Die Willkür des Eigners, sein Handeln nach eigenen Interessen, wird zum herrschenden Prinzip im Verein. Der Einzige ist sich selbst der höchste Wert, er ist sich selbst sein erstes Eigentum‚ und nur von daher bestimmt sich sein Verkehr mit anderen, durch die Verwertung seiner selbst: „Verwertet euer Eigentum! Über der Pforte unserer Zeit steht nicht jenes apollinische: ‚Erkenne Dich selbst‘, sondern ein: Verwerte Dich!“

Inwieweit dies dem Einzelnen gelingt, richtet sich nach seiner Gewalt, weswegen er auch im Verein durch Übereinkunft mit anderen versucht seine Macht auszubauen.

Ist sich jeder der Nächste und handelt nach dieser Maxime des sich Verwertens, dann folgt daraus eine unmittelbare Konfliktkonstellation: „Greife zu und nimm, was Du brauchst. Damit ist der Krieg Aller gegen Alle erklärt. Ich allein bestimme darüber, was Ich haben will.“

Stirner argumentiert immer vom konkreten Einzelnen her und von dessen Interessen ausgehend, so auch hier bei der Beschreibung des Verkehrs der Einzelnen. Das sein Egoismus nur unter Berücksichtigung dieser Ausgangslage interpretierbar ist, leuchtet m. E. am ehesten ein, wenn man einmal am Beispiel seines Liebesbegriffes den Charakter des Egoismus seines Einzelnen analysiert.

Stirner bewertet das christliche Liebesprinzip als im Kern identisch mit dem „wahre(n) Sozialprinzip“ , wodurch das abstrakt Menschliche als zu verwirklichende Forderung und Bestimmung angesehen wird; hier findet der Standpunkt des Sollens seine Begründung. Aber ein sittliches Gebot der Liebe „kennt nur Opfer und fordert ‚Aufopferung‘“, denn sie beinhaltet eine Verpflichtung zu lieben, wodurch das Verhältnis zum Gegenstand der Liebe sich verselbständigt und damit ein heiliges, weil entfremdetes wird.

„Der Geliebte ist ein Gegenstand, der von Mir geliebt werden soll. Er ist nicht Gegenstand meiner Liebe darum, weil oder dadurch, daß Ich ihn liebe, sondern ist Gegenstand der Liebe an und für sich (Herv. d. Verf.). Nicht Ich mache ihn zu einem Gegenstande der Liebe, sondern er ist von Haus aus ein solcher“.

Daraus folgt, daß der Einzelne dem Gegenstand der Liebe kein wirkliches Interesse entgegenbringt, sondern „ein Interesse am Gegenstande um des Gegenstandes willen“  welchem er unterliegt: „Die Besessenheit der Liebe liest in der Entfremdung des Gegenstandes oder in meiner Ohnmacht gegen seine Fremdheit und Übermacht.“Diese Fremdheit tritt dann als Haß gegen den konkreten

Einzelnen wieder auf, weil der Beziehung ein heiliges Interesse zu Grunde liegt: „Ihr liebt den Menschen, darum peinigt Ihr den einzelnen Menschen, den Egoisten; eure Menschenliebe ist Menschenquälerei.“

Gegen dieses Liebes- und Gesellschaftsprinzip, daß die den Normen nichtGehorchenden als Egoisten erscheinen läßt und in ihnen ein Schuld- und Sündenbewußtsein hervorrufen will, wendet sich Stirner mit dem freien Verkehr, hier mit der egoistischen, eigennützigen Liebe, die die Liebe ursprünglich immer war.

 

 

 

 

 

 

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