WIRKUNGEN DER GEWALTAUSÜBUNG DER LIBERALISMEN AUF DIE EINZELNEN

STIRNERIANA

 

 

 

 

 

 

 

Haben wir im vorherigen Abschnitt die Gewalten der „Neuen“, insbesondere der Liberalismen bestimmt, die dem Einzelnen Gehorsam abverlangen, so sollen nun die Auswirkungen dieser Gewalt auf die Einzelnen dargestellt werden.
Für Stirner ist der Liberalismus eine „menschliche Religion“, „weil er mein Wesen von Mir trennt und über Mich stellt, …‚ weil er überhaupt aus dem Meinigen, …‚ ein Fremdes, nämlich ein ‚Wesen‘ macht, kurz weil er Mich unter den Menschen stellt und Mir dadurch einen ‚Beruf‘ schafft“.


Diese Religion beruft den Einzelnen zum Menschen und trennt durch die Bestimmung den Unmenschen von ihm: „es ist ein Mensch, welcher dem Begriffe Mensch nicht entspricht, wie das Unmenschliche ein Menschliches ist, welches dem Begriffe des Menschen nicht angemessen ist.“
Stirner erkennt darin eine Trennung des Begriffes des Menschen von seiner Existenz, da der individuelle Mensch für ihn überhaupt nicht begrifflich bestimmbar ist.
Das Unmenschliche kann der Einzelne allerdings nur am Maßstab der philosophischen Prämisse vom menschlichen Sein und Werden darstellen.Umgekehrt stellt der an diesem Maßstab gemessene Unwert der Handlung eines Menschen gerade seinen Egoismus dar, zumindest wenn es eine bewußte, gegen die Heiligkeit eines Verhältnisses gerichtete Tat, d. h. wenn die „Selbsttäuschung von einem ‚Rechtszustande, Gesetze‘ usw.“ der Einsicht weicht, „daß das Verhältnis ein Verhältnis der Gewalt sei.“
Der Staat wie auch die Gesellschaft stellen für Stirner ein solches heiliges Verhältnis dar, indem sie ein bestimmtes Menschenbild vermittels direkter und indirekter Gewaltanwendung gleichsam über jeden Einzelnen stülpen. Konkret geschieht dies in der Art, das ihnen einerseits ein menschliches Recht, eine beschränkte Freiheit und ein beschränktes Eigeninteresse (mit Ausnahme der Gesellschaft im humane Liberalismus, die kein Eigeninteresse mehr gelten läßt) gewährt, sowie andererseits ein an den Prinzipien der Menschlichkeit, Sittlichkeit, Liebe u. a. orientiertes Verhalten bei den Einzelnen erzeugt und erwartet wird.

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Die Einzelnen sollen demnach in diesen Verhältnissen auf bestimmte Prinzipien verpflichtet werden; sie werden einem Integrationsdruck ausgesetzt, der in seiner Konsequenz auch die Ausgliederung von Gruppen und Einzelnen nach sich zieht.
Stirner empfindet diesen Integrationsdruck bzw. Ausschluß durch die Institutionen umfassend. Eßbach kann zugestimmt werden, wenn er sagt: „Totaler Ausschluß, Verbannung, Einkerkerung, Destruktion des Selbstkerns und Psychiatrisierung sind immer wiederkehrende Motive der Leidenserfahrungen, zu denen Stirner sich in Beziehung setzt.“
Nun konstituiert der Staat für Stirner nicht nur ein dem Einzelnen äußerliches Gewaltverhältnis, besteht nicht nur aus nackter Gewalt und gesetzlichem Zwang, wenngleich sich darauf auch letztlich seine Herrschaft begründet, sondern seine auf die Aufklärungsphilosophie zurückgehende ideologische Legitimation beherrscht die Individuen vornehmlich innerlich und drückt sich in ihrem Denken und Fühlen aus.
Sehen wir uns zunächst die direktere, äußere Gewaltanwendung und ihre Wirkungen etwas näher an. Im Recht und in den Gesetzen drückt sich ein bestimmter Wille als Befehl (Gebote und Verbote) gegenüber jedem Einzelnen aus, eben der „Staatswille“: „Für ihn (den Staat – GB) ist’s unumgänglich nötig, daß Niemand einen eigenen Willen habe; hätte ihn Einer, so müßte der Staat diesen ausschließen (einsperren, verbannen usw.); hätten ihn Alle, so schafften sie den Staat ab.“
Stirner stellt den Staat und den „eigenen Willen“ in einen unversöhnlichen Gegensatz zueinander; sie „sind todfeindliche Mächte, zwischen welchen kein ‚ewiger Friede‘ möglich ist.“
Ebenso wie mit dem Willen steht es auch mit der Gewalt: Die Beanspruchung des Gewaltmonopols durch den Staat läßt die Gewalt des Einzelnen in der Sprache des Rechts als Verbrechen erscheinen, daß der Sanktionierung durch die Staatsgewalt bedarf. Gleichwohl beruht dieses Recht seinerseits nur auf Gewalt, ist demnach auch nur ein Vorrecht einer „Übermacht“, daß die Ohnmacht und den Gehorsam des Einzelnen zu erzwingen sucht.
Stirner zerstört den Glauben, wie M. Adler sagt, „daß die sittlichen und rechtlichen Begriffe ein von Interessen unabhängiges, an sich wertvolles Dasein hätten … Das Recht, von dem man sich so lange das ganze eigene Dasein vorschreiben und einengen ließ, entpuppt sich jetzt als die Macht, die sich behaupten kann.“

Deswegen wendet sich Stirner gegen das Recht. Es braucht also jeder Wille eine Gewalt, um sich zu realisieren; um ihre eigene Gewalt freizusetzen, müssen die Einzelnen sich ihren Eigenwillen als Egoisten bewußt machen, das am Staatswillen orientierte Untertanenbewußtsein überwinden. „Es dauern die Staaten nur so lange, als es einen herrschenden Willen gibt, und dieser herrschende Wille für gleichbedeutend mit dem eigenen Willen angesehen wird
An den bewußten Egoisten, das ist Stirners Überzeugung, geht der Staat zu Grunde, deshalb stehen Staat und Egoist auch in entschiedenem Gegensatz zueinander. „Im Staate vermag nämlich das zügellose Ich, Ich, wie Ich Mir allein angehöre, nicht zu meiner Erfüllung und Verwirklichung zu kommen.“
Die Freiheit der Einzelnen im politischen Liberalismus ist nach Stirner reduziert auf die Abwesenheit persönlicher Einschränkungen, an statt derer er nunmehr durch das Gesetz „in aller Form Rechtens geknechtet“ wird.
Der liberale Freiheitsbegriff steht überhaupt noch voll in der christlichen Tradition des Dranges nach einem absoluten, inhaltsleeren Ideal: „Was nützt Dir auch eine Freiheit, wenn sie nichts einbringt? Und würdest Du von allem frei, so hättest Du eben nichts mehr“.
Der Einzelne wird im Namen dieser Freiheit von allem, was ihm Besonderes anhaftet, von seinem Egoismus befreit: Im Namen dieser menschlichen Freiheit begibt er sich seines Eigenwillens, ja im humanen Liberalismus sogar seines persönlichen Interesses, seiner Selbstbestimmung – kurz, diese Freiheit „schuf die Selbstverleugnung. Je freier Ich indes werde, desto mehr Zwang türmt sich vor meinen Augen auf, desto ohnmächtiger fühle Ich Mich.“
Gänzlich frei ist im Liberalismus der Geist geworden, die Sache (die Prinzipien) der Aufklärungsphilosophie.
Mit dem Liberalismus ist die Aufklärungsphilosophie sozusagen als Legitimationswissenschaft zur Herrschaft gelangt und hat als nunmehr gänzlich freier Geist „eine allmächtige Gewalt errungen.“
Ihre Prinzipien der Sittlichkeit, der Freiheit etc. stellen für den Einzelnen eine neue Götterwelt dar, die er heilig hält, d. h. zu seiner „Gewissensache“ macht Er entwickelt den Prinzipien gegenüber eine Ehrfurcht, die ihn auch innerlich bindet: „das Gefürchtete ist zu einer innerlichen Macht geworden, der Ich Mich nicht mehr entziehen kann; Ich ehre dasselbe, bin davon eingenommen, ihm zugetan und angehörig: durch die Ehre, welche ich ihm zolle, bin Ich vollständig in seiner Gewalt, und versuche die Befreiung nicht einmal mehr. Nun hänge ich mit der ganzen Kraft des Glaubens daran, Ich glaube. Ich und das Gefürchtete sind Eins: ‚nicht Ich lebe, sondern das Respektierte lebt in Mir!‘“
Was Stirner hier als einen Prozeß der Verinnerlichung fremder Werte und Normen beschreibt, bewirkt die „Selbstverachtung und Gottesverehrung“ der Individuen, denn gemessen an den verinnerlichten Idealen erscheinen sie sich selbst als vom Bösen Besessene, als „ein Abgrund von regel- und gesetzlosen Trieben, Begierden, Wünschen, Leidenschaften, ein Chaos ohne Licht und Leitstern!“ Die Individuen haben ihren eigenen Standpunkt aufgegeben und gehorchen den
Imperativen der verinnerlichten Ideale und Normen, in Stirners Worten: dem Geist, dem Standpunkt des Geistes.
Sveistrup stellt, Stirner interpretierend, dazu fest: „Unsere Unterwerfung findet in unserem eigenen Innern statt.“
Es wird also durch die Absolutsetzung von Werten und Normen gleichsam eine psychische Zwiespältigkeit erzeugt – man könnte auch sagen: die Individuen haben die Gewalt verinnerlicht und unterdrücken sich selbst. Bernd Nitzschke beschreibt sehr plausibel‚ was Stirner m. E. in dem obigen Zitat zum Ausdruck brachte, wie dadurch die subjektive Zügellosigkeit unterdrückt wird:

„Der Haß der Erfahrungslos-Gewordenen, der in ihren Charakter Eingeschnürten, auf die subjektive Erfahrung, die die Grenzen des Subjekts übersteigt und sich gegen alle gesellschaftliche Veranstaltung sperrt, ist nur Ausdruck der gehaßten Bindung an die ‚objektive‘ Realität, der die Erfahrungslos-Gewordenen nicht entkommen können, weil die Angst sie daran kettet.“

In diesem Zusammenhang mißt Stirner der Erziehung insofern eine erhebliche Bedeutung zu, als sie die Funktion hat, in den Individuen bestimmte Gefühle und Gedanken zu erzeugen; er unterscheidet dabei zwischen in den Individuen erzeugten und angeregten Gefühlen: „Die letzteren sind eigene, egoistische, weil sie Mir nicht als Gefühle eingeprägt, vorgesagt und aufgedrungen wurden; zu den ersteren aber spreize Ich Mich auf, hege sie in Mir wie ein Erbteil, kultiviere sie und bin von ihnen besessen.“
Erzeugte Gefühle haben einen absoluten Geltungsanspruch und davon abweichende Gefühlsregungen der Individuen werden hinweggezüchtigt.

„So mit eingegebenen Gefühlen vollgestopft, erscheinen Wir vor den Schranken der Mündigkeit und werden ‚mündig gesprochen‘. Unsere Ausrüstung besteht aus ‚erhebenden Gefühlen, erhabenen Gedanken, begeisternden Grundsätzen, ewigen Prinzipien‘ usw.. Mündig sind die Jungen dann, wenn sie zwitschern wie die Alten“.

Unterdrückt werden im Zuge dieser Erziehung die eigenen Gefühle und Gedanken, die nun vom Individuum negativ bewertet werden und sich als Sündenbewußtsein in seinem Gewissen verfestigen.
Ein anderes Resultat der Besessenheit der Individuen vom Geist ist ein entfremdetes Verhältnis zu den Gegenständen ihres Denkens und Handelns. Es drückt sich darin aus, daß sie nicht über die geistige Verarbeitung der Gegenstände ihres Denkens und Handelns hinausgelangen, d. h., daß die geistige Reflexion sich verselbständigt vom konkreten, eigenen Interesse des Individuums und infolgedessen die Gegenstände seiner Reflexion als Axiome bestehen bleiben.

„Das Verhältnis zu diesem Gegenstande ist das des Wissens, des Ergründens und Begründens usw., nicht das des Auflösens (Abschaffens usw.). Sittlichkeit ist auch solch eine heilige Vorstellung: sittlich müsse man sein, und müsse nur das rechte Wie, die rechte Art es zu sein, aufsuchen. An die Sittlichkeit selbst wagt man sich nicht mit der Frage, ob sie nicht selbst ein Truggebilde (Herv. d. Verf.) sei: sie bleibt über allem Zweifel erhaben, unwandelbar.“

Einen Ausdruck findet die Verselbständigung des Geistes darin, daß die Verkehrsformen der Einzelnen primär über Prinzipien zustande kommen (z. B. das Liebesprinzip), denen sich die Einzelnen verpflichtet fühlen. Auch B. Kast hebt diesen Gesichtspunkt hervor: „Die Verkehrsformen haben ausschließlich imperativische Qualität (Herv. d. Verf.) und existieren als Konstruktion von Denkern und Theoretikern“.
Die Antriebskräfte der, die Individuen seit jahrtausenden zur Selbstverleugnung anhaltenden, christlichen Kultur erkennt Stirner gleichwohl im unbewußten und deshalb bornierten Egoismus der Einzelnen:

„All euer Tun und Treiben ist uneingestandener, heimlicher, verdeckter und versteckter Egoismus. Aber weil Egoismus, den Ihr Euch nicht gestehen wollt, den Ihr Euch selbst verheimlicht, also nicht offenbarer und offenkundiger, mithin unbewußter Egoismus, darum ist er nicht Egoismus, sondern Knechtschaft, Dienst, Selbstverleugnung“.

Zur Beurteilung des Verhaltens der sich solchermaßen verhaltenden „unfreiwilligen Egoisten“ , wie er sie auch nennt, zieht Stirner psychologische Erklärungen heran, ähnlich denen, wie sie in der Tiefenpsychologie üblich sind. Sie suchen ihr Leben und Verhalten mit höheren Idealen, Wertmaßstäben etc. in Einklang zu bringen, in dem Bewußtsein, sich ihretwegen zu opfern und ihnen zu dienen; sieund bekämpfen. Gleichwohl, so der psychologische Umkehrschluß, wirkt unbewußt bei diesen Individuen das egoistische Interesse.
Der Einzelne ist ein Egoist, „der kein Egoist sein möchte, und sich erniedrigt, d. h. seinen Egoismus bekämpft, zugleich aber sich selbst nur deshalb erniedrigt, ‚um erhöht zu werden‘, also um seinen Egoismus zu befriedigen.“ Stirner erkennt in diesem Verlangen nach Selbsterniedrigung qua Identifikation des Individuums mit „höheren Wesen“ den „mißverstandene(n) Trieb nach Selbstauflösung“Mißverstanden deshalb, weil der Einzelne sich gleichsam als das Geschöpf seiner Identifikationen erkennt, und folglich starr an ihre Imperative bindet.

„Wie Du in jedem Augenblicke bist, so bist Du Dein Geschöpf, und eben an dieses ‚Geschöpf‘ magst Du Dich, den Schöpfer nicht verlieren. Du bist selbst ein höheres Wesen, als Du bist, und übertriffst Dich selbst. Allein, daß Du der bist, der höher ist als Du, d. h. daß Du nicht bloß Geschöpf, sondern gleicherweise Dein Schöpfer bist, das eben verkennst Du als unfreiwilliger Egoist, und darum ist das ‚höhere Wesen‘ Dir ein – Fremdes.“

Solchermaßen starre und psychisch tiefsitzende Identifikationsmechanismen der Individuen, die gleichwohl ausschließlich auf ihren Egoismus zurückgehen, sind das Band, das die bestehende Kultur begründet und zusammen hält: „… die Religion ist auf unsern Egoismus begründet, und sie beutet ihn aus; berechnet auf unsere Begierden, erstickt sie viele andere um Einer willen. Dies gibt den die Erscheinung des betrogenen Egoismus, wo Ich nicht Mich befriedige, sondern eine meiner Begierden, z. B. den Glückseligkeitstrieb.“
Es ist dies eben ein bornierter Egoismus, weil er die Selbständigkeit und Herrschaft einer Leidenschaft impliziert und ihr die Ganzheit und Ausschließlichkeit des Individuums opfert.
„Wie so bettelhaft wenig ist uns verblieben,“ ruft Stirner empört aus, „ja wie so gar nichts! … Glückliche Unbefangenheit des begehrlichen tierischen, wie unbarmherzig hat man Dich an dem Altare der Befangenheit zu schlachten gesucht! Um den Altar aber wölbt sich eine Kirche, und ihre Mauern rücken immer weiter hinaus. Was sie einschließen, ist – heilig. Du kannst nicht mehr dazu gelangen, kannst es nicht mehr berühren Aufschreiend in verzehrendem Hunger schweifst Du um diese Mauern herum, das wenige Profane aufzusuchen, und immer ausgedehnter warden die Kreise Deines Laufes.
Bald umspannt jene Kirche die ganze Erde, und Du bist zum äußersten Rande hinausgetrieben; noch ein Schritt, und die Welt der Heiligen hat gesiegt; Du versinkst in den Abgrund. Darum ermanne Dich, dieweil es noch Zeit ist, irre nicht länger umher im abgegrasten Profanen, wage den Sprung und stürze hinein durch die Pforten in das Heiligtum selber. Wenn Du das Heilige verzehrst, hast Du’s zum Eigenen gemacht! Verdaue die Hostie und Du bist sie los!“

Zweifelsohne bedeutet die Ära der „Freien“ (des Liberalismus) eine Fortentwicklung der Ideen im Sinne des Strebens, „den heiligen Geist menschlicher zu machen. „Durch den Liberalismus wurden nur andere Begriffe aufs Tapet gebracht, nämlich statt der göttlichen menschliche, statt der kirchlichen staatliche, statt der gläubigen ‚wissenschaftliche‘ oder allgemeiner statt der ‚rohen Sätze‘ und Satzungen wirkliche Begriffe und ewige Gesetze.“
Aber für Stirner ist damit letztlich nichts gewonnen. Immer sind es nur bestimmte Eigenschaften, sozusagen Teilwahrheiten des Ichs, die sich als ursprünglich eigene Schöpfungsakte von diesen entfremdet haben und nun als „freier Geist“ frei von ihrem Schöpfer den Individuen gegenüberstehen.
Dieser Geist beansprucht das Wesen des Einzelnen zu bestimmen und ist von daher ideologisch, eine „fixe Idee“, denn er ist kein Ich, sondern nur ein vorgestelltes Ich, ein Scheinich, weil er verlangt, daß das wahrhafte Ich des Einzelnen sich ihm gemäß bestimmt; die grundlegende Bestimmung des Ichs aber ist seine Selbstbestimmung, so daß jede Fremdbestimmung eine Selbstentfremdung des Einzelnen beinhaltet: „So sah Ich denn mein Ich immer über und außer Mir und konnte niemals wirklich zu Mir kommen.“
Als vollständige eigene Einheit und Ganzheit wird das einzelne Individuum weder vom Staat, noch von irgendeiner Gesellschaft anerkannt, sondern umgekehrt zählt nur ein Teil seiner Persönlichkeit. Schaefer ist zuzustimmen, wenn er zu Stirners Position anmerkt: „Er hat ein sehr scharfes Gefühl für den Unterschied, ja Gegensatz zwischen der vom Liberalen idealisierten ‚Persönlichkeit‘‚ der Personifikation gesellschaftlicher Tugenden und Laster, und der einzelnen Existenz, die in der Gesellschaft niemals ganz zu Hause ist und schon gar nicht sich mit ihr identifiziert.“
Wie ich aufzuzeigen versuchte, hat der Liberalismus unzählige Gedanken hervorgebracht, die im Grunde alle aus der Idee des Menschen als Gattungswesen, den Prinzipien der Liebe und Sittlichkeit, wie sie Stirner auch nennt, abgeleitet sind. Aber diese Idee begründet lediglich ein Verhältnis von Menschen, nicht von Ichen; Menschsein ist aber nur eine Eigenschaft des Ichs unter anderen, die als vom Ich losgelöste und verabsolutierte das ganze aufgezeigte System von Bindungen und Abhängigkeiten und fremden Bestimmungen hervorgebracht hat.

 

 

 

 

 

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